«Die breite Bevölkerung interessiert ein Naturpark nicht gross»

Wäre Teil des Naturparks geworden: Die Gemeinde Turbenthal (hier mit dem Gasthof Gyrenbad) (Foto: 1a Luftaufnahmen)

Im Tössbergland entsteht kein Naturpark. «Der Tößthaler» hat die Gemeindepräsidenten von Schlatt, Turbenthal und Wila befragt, was sie vom Abbruch des Projektes halten und ob der Park nicht eine Chance gewesen wäre.

An einer Medienkonferenz Mitte August 2015 lancierte Pro Zürcher Berggebiet (PZB, siehe Box) die Idee eines regionalen Naturparks, der sich über das Gebiet der 13 Mitgliedsgemeinden erstrecken sollte, unter anderem von Schlatt, Turbenthal, Wila, Wildberg, Bauma und Fischenthal. Es fanden drei Workshops mit der Bevölkerung statt und die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) erstellte eine Machbarkeitsstudie, die einem Naturpark in diesem Gebiet gute Voraussetzungen attestierte. Vor gut einem Jahr beschlossen die 13 Mitgliedsgemeinden dann, ein Projekt auszuarbeiten. Vor gut zwei Wochen nun entschied die Delegiertenversammlung von PZB, den Management-Plan einzustellen und das Projekt eines regionalen Naturparks nicht mehr weiterzuverfolgen. Nachstehend äussern sich der Gemeindepräsident von Schlatt, Urs Schäfer, sowie seine Amtskollegen von Turbenthal, Georg Brunner und von Wila, Hans-Peter Meier, zum Ende des regionalen Naturparks. Die Fragen wurden schriftlich beantwortet:

Der regionale Naturpark kommt nicht zustande. Sind Sie darüber enttäuscht oder eher erleichtert?

Urs Schäfer (U.S.): Weder noch. Es ist für mich eine Tatsache, welche sich abgezeichnet hat. Wir waren nicht wirklich überzeugt, dass es
einen echten Mehrwert gegeben hätte. Trotzdem haben wir den Management-Plan unterstützt, um mehr Informationen zu erhalten.

Georg Brunner (G.B.): Die Machbarkeitsabklärung hat ergeben, dass ein Naturpark in unserem Gebiet möglich ist. Ein Naturpark hilft, die schon vorhandenen Natur- und Landschaftswerte besser zu vermarkten. Der Park kann nur funktionieren, wenn sich die Landwirtschaft und das Gewerbe aktiv, mit neuen Angeboten und Dienstleistungen engagiert. Die Landwirte im oberen Tösstal stehen diesem Projekt auf Grund ihrer Erfahrungen mit der Errichtung des Hörnli- und Bachtelschutzgebietes sehr kritisch gegenüber und auch vom Gewerbe war wenig Begeisterung spürbar. Aus diesem Grunde finde ich den Entscheid, die nächste Phase der Parkgründung zu stoppen, sinnvoll.

Hans-Peter Meier (HP.M.): Der Gemeinderat Wila stand dem Projekt unter bestimmten Bedingungen grundsätzlich positiv gegenüber. Diese waren: Es dürfen keine Kosten auf die Gemeinde zukommen respektive überwälzt werden und es dürfen keine Einschränkungen in der baulichen Entwicklung und der Landwirtschaft entstehen.

Gemäss Michael Dubach, Geschäftsführer von Pro Zürcher Berggebiet, habe man beim Projekt zu wenig Rückhalt in der Bevölkerung gespürt. Was war Ihr Eindruck, wenn Sie mit Bürgern über den Naturpark gesprochen haben?

U.S.: In unserer Gemeinde haben wir noch nicht aktiv mit der Bevölkerung gesprochen. Die erwähnten Gespräche in der Bevölkerung waren regionale Veranstaltungen, welche von Schlatter Einwohnern nur spärlich besucht wurden.

G.B.: Von Vertretern der Land- und Forstwirtschaft war die Angst vor zusätzlichen Auflagen ein Thema. Die Bürger haben sich meiner Meinung nach und auf Grund des Planungstandes nicht gross für dieses Projekt
interessiert.

HP.M.: Die breite Bevölkerung interessiert ein Naturpark nicht gross. Grosses Interesse am Entwicklungsprozess für einen solchen Park haben unterschiedliche Interessensgruppen: Einerseits befürworten Naturschutz- und Tourismusorganisationen solche «Reservate», andererseits stehen einem solchen Vorhaben die Landwirtschaft und politisch Verantwortlichen eher negativ gegenüber. 

Wird diese Nicht-Realisierung für Ihre Gemeinde grössere Folgen haben, zum Beispiel im Standort-Wettbewerb?

U.S.: Nein. Nach unserer Meinung ist es besser, die Marke «Natürli», welche schon lange etabliert ist, weiter zu unterstützen und dadurch unsere Region nachhaltiger an Bekanntheit zunimmt. Diese Marke werden wir in Zukunft weiterhin aktiv mittragen.

G.B.: Der Mehrwert des Parks erwächst durch die Angebote der lokalen Anbieter. Ich denke, die Nicht-Realisierung wird keine grösseren Nachteile für Turbenthal haben.

HP.M.: Nein, die vorhandene gesetzlichen Rahmenbedingungen genügen, um eine moderate Siedlungs- und Landschaftsentwicklung sicherzustellen.

Wäre der Naturpark nicht eine Chance gewesen, das Tösstal überregional bekannt zu machen, sei es in wirtschaftlicher aber auch in touristischer Hinsicht?

U.S.: Wie in der vorherigen Antwort schon erwähnt, kann alles, was wirtschaftlich oder touristisch nötig ist, unter der Marke «Natürli» ebenfalls vermarktet werden, notabene unter einer Marke, welche schon lange überregional bekannt ist. Auch unter dieser Marke wird unsere schöne Landschaft weiter an Bekanntheit zunehmen.

G.B.: Das Projekt Naturpark wäre sicher eine Chance für das Tösstal in wirtschaftlicher und touristischer Hinsicht gewesen. Ein solches
Projekt muss aber von der Bevölkerung und der Wirtschaft gelebt werden, um einen Mehrwert für die Region zu bringen.

HP.M.: Ja, jedoch mit einem Risiko behaftet. Das Tösstal ist bereits heute ein weit herum bekanntes Naherholungsgebiet mit einem breiten
Angebot zum Wandern und Biken. Die negativen Folgen einer forcierten touristischen Weiterentwicklung sind Verkehrsbelastung, Lärm und gar auch hier Dichtestress.

 

PRO ZÜRCHER BERGGEBIET
Pro Zürcher Berggebiet (PZB) ist ein Verein mit 13 Mitgliedsgemeinden aus den Kantonen Zürich, Thurgau und St. Gallen. Der 1973 gegründete Verein begleitet Projekte in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, Landschaftsentwicklung, öffentlicher Verkehr, Tourismus, Kultur sowie Standort- und Regionalmarketing. PZB sieht sich als Stelle, die verschiedene Akteure in der Region vernetzt und wirtschaftliche Potenziale fördert, welche eine Wertschöpfung in der Region generieren. Da die Region Zürcher Berggebiet interkantonal ist, erstrecken sich die meisten Projekte über die drei Kantone Zürich, St. Gallen und Thurgau. Der Sitz und die Geschäftsstelle des Vereins befinden sich in Bauma. Mitglied bei PZB sind unter anderem die Tösstaler Gemeinden Schlatt, Turbenthal, Wila, Wildberg, Bauma und Fischenthal.
Rolf Hug
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