Der Tösstaler, der in der Stadt Winterthur regierte

Stossend findet Heiri Vogt das gegenwärtige Ausspielen von Jungen gegen die Alten und umgekehrt (Foto: ww)

Der in Rikon aufgewachsene Heiri Vogt war von 1986 bis 2002 Stadtrat von Winterthur. Das Tösstal liebt er immer noch sehr und ist hier oft anzutreffen. Besorgt ist er über den zunehmenden gesellschaftlichen Trend, Alte gegen Junge auszuspielen, und ärgern tut er sich über schlagwortartige Politik.

Als Heiri Vogt 1985 vom neu gegründeten Tennisclub Wila hörte, kaufte er sogleich einige Anteilscheine. Baumeister Heinz Zaugg, der Präsident des TC Wila, habe sich darüber gefreut und ihn an den Generalversammlungen in Wila jeweils speziell begrüsst, erinnert sich Heiri Vogt. In seiner als Stadtrat beschränkten Freizeit habe er regelmässig in Wila Tennis gespielt.

Langenhard, Gyrenbad und Kollbrunn

Das Tennisspiel war einer von mehreren Anknüpfungspunkten ins Tösstal. Als Winterthurer Bauvorsteher hatte er mit den Gemeinden viele Kontakte, sei dies wegen des Grundwassers oder der Kanalisation. Viele Verbindungen überdauerten seine Stadtratszeit und setzen sich bis heute fort.

Gerne halte er bei seinen Ausflügen Einkehr in der «Linde» in Langenhard, im «Gyrenbad» oder im «Frohsinn» in Kollbrunn, wo er nebenan bei Metzger Jucker dann gleich noch das Fleisch einkaufe, sagt der 76-Jährige, dem das eine oder andere Altergebresten etwas zu schaffen macht. Häufig begleitet ihn seine Frau Rosmarie, die aus Iberg stammt und das Tösstal ebenfalls bestens kennt. Die beiden sind seit 1965 verheiratet, haben zwei Töchter und erfreuen sich an ihren Enkelkindern.

Sohn einer Textilarbeiter- familie in Rikon

Aufgewachsen ist Heiri Vogt in Rikon, in einem sogenannten Kosthaus, wie sie damals die Textilfabrikanten an ihre Arbeiter vermieteten. Um die vierköpfige Familie über die Runden zu bringen, arbeiteten beide Elternteile in den örtlichen Spinnereien. Als er 13-jährig war, starb seine Mutter. «Das war für mich ein gravierender Einschnitt», beklagt Heiri Vogt, denn er sei ein «Mueterbübli» gewesen, mit dem Vater habe er sich leider nie gut vertragen. Noch sieht er vor seinen Augen den Trauerzug: Angeführt vom Pferdegespann mit dem Leichenwagen zog die Trauergemeinde zu Fuss von Rikon zum Friedhof Kollbrunn.

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Nach der Schule trat Heiri eine Ausläuferstelle bei der Bäckerei Heller in Winterthur an. «Dann bist du endlich einmal weg von daheim», habe der Vater gebrummt. Kaum sei er Ausläufer gewesen, ermöglichte ihm Heller, eine Lehre zu beginnen. Nach deren Abschluss kehrte der junge Bäcker wieder ins Tösstal zurück, in den «Sonnenhof» in Kollbrunn. «Morgens in aller Frühe Brote backen und nachmittags im Heiterthal Holz aufbereiten für den Backofen», erinnert sich Heiri Vogt. Ja das seien lange Tage gewesen. Eine weitere Arbeitsstelle war im «Freihof» in Weisslingen. Später wechselte Heiri Vogt den Beruf, wurde Rangierarbeiter bei den SBB in Winterthur und avancierte zum Stellwerkbeamten.

Vom Gewerkschafter zum populären Stadtrat

Als Mitglied der Gewerkschaft begann Heiri Vogt in der Winterthurer Politik mitzumachen, wurde in den Grossen Gemeinderat gewählt und gewann rasch Sympathien. 1986 erkoren ihn die Sozialdemokraten zum Stadtratskandidaten und zur Überraschung vieler, auch von ihm selbst, holte er für die SP einen dritten Stadtratssitz. «Das war für mich eine gewaltige Umstellung», sagt er noch heute. Er wurde mit dem anspruchsvollen und oft auch dornenreichen Baudepartement betraut. Vier Amtsperioden, also 16 Jahre leitete er diesen Bereich und war zudem Vizepräsident des Stadtrates. Die drei Wiederwahlen schaffte er glänzend. 1990 liebäugelte er auf Wunsch seiner Partei damit, als Stadtpräsident zu kandidieren, winkte aber ab. «Ich wollte das gute Einvernehmen im Stadtrat nicht torpedieren».

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Heiri Vogt war ein populärer und geselliger Stadtrat. Fast die ganze Bevölkerung nannte ihn Heiri. Er hatte ein ausgezeichnetes «Gschpüri», was machbar war und was nicht. Mit seiner sprichwörtlichen «Bauernschlauheit» brachte er viele heikle Geschäfte über die Runde. Und er freute sich diebisch, wenn er – wie das oft vorkam – die Pläne seiner Gegner frühzeitig durchschaute und somit durchkreuzen konnte. Deshalb wurde er manchmal auch als «Schlitzohr» bezeichnet. «Für mich war dies eher ein Kompliment als eine Rüge», lacht er spitzbübisch.

Den Umbruch von Winterthur mitgestaltet

Eine grosse Herausforderung in seiner Regierungszeit war der Niedergang der Winterthurer Maschinenindustrie und der damit verbundene Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen. Die Sulzer-Areale in der Stadt und in Oberwinterthur drohten zu Ruinen zu werden. Mit grossem Engagement der Stadt konnten neue Firmen angesiedelt werden und die ZHaW zog ein. «Wenn ich heute diese Entwicklung betrachte, so erfüllt mich das mit Stolz», sagt Heiri Vogt. Politik, Wirtschaft und Kultur hätten am gleichen Strick gezogen. «Nicht immer ist alles gelungen, es gab auch Pannen und Misserfolge», gibt Heiri Vogt zu. Viele hätten auch versucht, an «seinem Ast zu sägen» und erwarteten sein Scheitern als Exekutivpolitiker. «Aber diesen Gefallen habe ich ihnen nicht getan», schmunzelt er.

Politische Überzeugung ist geblieben

Seit seinem Rücktritt hält sich Heiri Vogt von der öffentlichen Diskussion meist fern. «Wir hätten es auch nicht gerne gehabt, wenn uns die Alten dreingeredet hätten», meint er. Seiner gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Gesinnung aber ist er treu geblieben und seinen SP-Parteibeitrag zahlt er weiterhin.

Ungehalten ist Heiri Vogt, wenn mit schlagwortartiger Politik gute Ideen und Projekte zunichtegemacht würden. Besonders stossend findet er das gegenwärtige Ausspielen von Jungen gegen die Alten und umgekehrt. Das Wohl unserer Gesellschaft beruhe auf einem solidarischen Miteinander, ist Heiri Vogt überzeugt.

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Und noch etwas stört ihn: «Jedes Mal wenn ich von meiner Wohnung in Oberwinterthur mit dem Bus am Stadthaus vorbei in die Altstadt fahre ärgert es mich, dass Stadtrat und Stadtverwaltung dieses Gebäude verlassen haben. Heute wirkt das Stadthaus leider vermieft, und das sei jammerschade für dieses einst prachtvolle Aushängeschild von Winterthur.»

Immer noch fasziniert ist Heiri Vogt vom Sport. Als einstiger Fussballspieler (FC Kollbrunn und FC Rikon), Radrennsportler sowie als Leichtathletikfan verfolgt er alle wichtigen Wettkämpfe und verpasst kaum je ein Spiel des FC Winterthur.

ENDE DER SERIE «EINST IM RAMPENLICHT»
Mit dem heutigen Beitrag über Heiri Vogt schliessen wir die Serie über Leute, die im Tösstal einst im Rampenlicht standen. Am Beispiel von 10 Personen versuchten wir zu zeigen, wie einstige Prominente auf ihr Wirken zurückblicken und wie sie heute leben und denken. Auch in Zukunft werden im «Tößthaler» in lockerer Folge Por-träts von Personen erscheinen, die in unserer Talschaft leben und wirken. Nicht nur von solchen im Rampenlicht, sondern auch von Menschen, die eher im Hintergrund tätig sind.

Werner Wäckerli wohnt in Wila und war von 1974 bis 1979 und von 1981 bis 1984 Redaktor beim «Tößthaler».