Der natürlichste Vorgang führt zu Aufruhr im Quartier

Dieses Frühjahr brachte ich wie üblich einige Galtkühe auf eine Wiese in Turbenthal. Früher war dort nur Industrie, heute ist ein Teil des Landes mit Wohnhäusern überbaut. Nun geschah es halt eben, dass eine ältere Kuh früher kalbte als erwartet und dies wurde blitzschnell zu einem Problem, nicht etwa für Kuh und Kalb, sondern für die Anwohner. Selbstverständlich hatten wir diese Tiere etwas vermehrt unter Beobachtung, aber wir liessen die beiden in der Weide zusammen mit den anderen Kühen. Nach meiner Meinung ist das der natürlichste Vorgang der Welt und alles verlief bestens. Am nächsten Tag ging ein Kollege Heu laden im anderen Teil dieser Wiese, dabei wurde er angegangen von einer Frau und später von einem Ehepaar. Die Frau sei sehr freundlich gewesen und wollte einfach wissen, ob wir auch bemerkt hätten, dass eine Kuh gekalbt hätte. Das Ehepaar sei dann weniger freundlich gewesen. Sie hätten ausgerufen, das Kalb hätte keinen Sonnenschutz, liege einfach da und sie drohten mit der Polizei.

In der Folge erhielten wir mehrere oft gehässige Telefonanrufe und SMS zu diesem Thema. Die meisten Bauern hätten die Beiden vielleicht sofort geholt, um sich weiteren Ärger zu ersparen, ich erwiderte jeweils, ich würde sie erst in einigen Tagen zusammen mit den anderen Kühen holen, wenn das Kalb selber in den Viehwagen steigen könne. Dass es das natürlichste Verhalten eines Kalbes ist, ruhig zu liegen während dem die Mutter am Fressen ist und dass die Mutter immer ein Auge darauf hat, dass dem Kalb nichts geschieht, wussten sie offenbar nicht. In regelmässigen Abständen geht die Kuh zum Kalb damit es trinken kann und es schnell so kräftig wird, dass es ihr folgen kann. Nach einer Woche sind die Kälber in der Regel so fit, dass sie in der Lage sind ihrer Mutter auch während einem stündigen Alpauftrieb zu folgen. Dies dauert bei uns Menschen wesentlich länger.

Ich denke, da liegt auch das Problem. Viele Leute vermenschlichen die Tiere derart, dass sie das Wesen eines Tieres gar nicht mehr verstehen. Wenn ich etwas nicht weiss, dann frage ich erst die Betroffenen bevor ich mit der Polizei drohe. Heute ist es anders, wir Landwirte werden im Bereich Tierschutz immer öfters von Leuten kritisiert, welche sich nicht einmal die Mühe geben sich zu informieren. Jedes Rehkitz liegt im Frühjahr meist alleine im Gras. Keiner dieser Anwohner kümmert sich je darum wie es diesen «armen» Rehkitzen bei Regen, Wind und Sonne geht. Ich habe auch noch nie gesehen, dass die Jäger Regen- und Sonnenschirme in die Wiesen stellen. Ich weiss einfach, dass die Verlustrate von Rehkitzen bei langer, nasskalter Witterung im Frühjahr hoch sein kann. Dass sie aber unter der warmen Maiensonne leiden würden, habe ich noch nie gehört.

Genau dies wurde uns aber von einigen SMS-Schreibern zum Vorwurf gemacht, die Tiere hätten keinen Sonnenschutz. Es war ja auch noch nicht Hochsommer und ich habe verschiedentlich Kälber beobachtet, welche es vorzogen an der Sonne zu liegen. Vielleicht ist es sogar das grössere Problem, dass in kühlen Nächten die Sonne nicht scheint. Aber eben die Tiere haben sich über Jahrtausende an unser Klima gewöhnt und sie werden auch damit fertig. In den meisten Fällen habe ich die Schreiben beantwortet und darauf kamen meist wohlwollende Kommentare.

Immerhin waren sie mit Namen zu ihrer Kritik gestanden und haben nicht nur hinter dem Rücken dumm geschwatzt, wie andere. In einer Antwort habe ich geschrieben, dass dieses Kalb bald ohne Aufsicht der Anwohner auf der Alp sein wird und den Sommer oberhalb der Waldgrenze bar jeden Schutzes vor Wind, Regen, Schnee und Sommerhitze verbringen wird. Dabei habe ich ihr zugesichert, dass solche Kälber ab 30 Grad Celsius von der Älplerin mit Sonnencreme, Schutzfaktor 5000 eingerieben werden. Diese Antwort wurde mit einem Smiley quittiert.

Auch meine Frau wurde genötigt Anrufe zu beantworten. Ein Herr hatte sich gemeldet und fuhr sie an, «Sie haben einen Biobetrieb und lassen das Kalb halb tot herum liegen und die Kühe haben nichts zu fressen». Darauf erklärte sie ihm, sie würde in einer Stunde zurückrufen. Dann fragte sie, ob er gesehen hätte, dass alle Kühe kugelrund seien. Darauf sagte er, ja das schon, aber? Zum Kalb erklärte sie ihm eben auch das natürliche Verhalten solcher Kälber und dass sie sich auch ducken wenn Gefahr droht. Daraufhin sagte er ihr, er sei nochmals in die Weide zum Kalb gegangen und hätte gesehen, dass es noch schnaufen täte. Dies muss man sich auf der Zunge vergehen lassen. Jetzt geht ein Unbefugter in eine Weide und macht sich an das Kalb einer Mutterkuh heran, nach all den Warnmeldungen, von wegen Unfällen mit Mutterkühen auf Wanderwegen. Dieser Herr kann froh sein, dass diese Kuh eine ältere, verständnisvolle Lady war. Ich habe Kühe in der Herde, welche nicht nur zugeschaut hätten, sondern dafür gesorgt hätten, dass dieser für eine Weile gar nicht mehr hätte telefonieren können.