Der Luchs: Heimlicher Helfer oder Konkurrent zum Jäger?

Der Luchs oberhalb Neubrunn nahe dem Hof Lehrüti ist zu seiner Beute zurückgekehrt; aufgenommen von einer Fotofalle (Foto: zVg)

Anfangs September riss ein Luchs ausserhalb von Turbenthal ein Reh. Mittels Infrarot-Fotofalle konnte das Tier beim Fressen seiner Beute beobachtet werden. Viktor Boller, Obmann des Reviers Breitlandenberg, freut sich über den sichtbaren Beweis des Luchsvorkommens.

Der Luchs galt in der Schweiz lange als ausgerottet. Dann ab 2001 wurde er in der Nordostschweiz wieder ausgesetzt, mit dem Ziel, eine sich selbst erhaltende  Population zu etablieren. Seit geraumer Zeit ist sein Vorkommen auch im Tösstal wieder vermehrt nachgewiesen. Gemäss einem alten Zeitungsbericht wurde er etwa 2009 schon einmal in Turbenthal fotografiert. Die Raubkatze mit den typischen Haarpinseln auf den Ohren hat zwecks guter Tarnung eine spezielle Fellmusterung und reisst ihre Beute mittels Kehlbiss. Innert zwei bis fünf Tagen frisst der Luchs von hinten beginnend seine Opfer. Hauptbeutetier ist das Reh, aber auch die in der Gemeinde Turbenthal relativ häufig vorkommenden Gämsen verachtet er nicht.

Grosszügiges Revier mit gutem Wildbestand

Während der Nutzungsdauer wird die Beute so geschickt versteckt, dass er wiederkehrend das ganze Tier fressen kann. Grundsätzlich reicht ihm eines pro Woche; wird dieses gefunden und entsorgt oder wenn sich der Luchs gestört fühlt, lässt er es angefressen liegen und sucht sich neue Beute, so dass dann mehr als ein Tier pro Woche gerissen wird. Das kann in den von Luchsen viel begangenen Wäldern in der Region zum Problem werden, da sich der Wildbestand stärker reduziert als gewünscht. Die Grosskatze wird dadurch zum ernsthaften Konkurrenten zur Jägerschaft. «Anders als der Jäger hat der Luchs keine Vorschriften, an die er sich halten muss», meint Viktor Boller dazu lakonisch. Fügt aber an: «Und doch ist dieses wunderschöne Tier eine Bereicherung und nicht mehr wegzudenken aus unserer Gegend.»

Boller ist Obmann des Reviers Breitlandenberg, das insgesamt rund 960 Hektaren umfasst. Ausgehend von der reformierten Kirche Turbenthal zieht sich die Grenze des Reviers entlang der St. Gallerstrasse bis zum Bichelsee, dort längs der Kantonsgrenze hinauf zum Chabishaupt, Brenngrüti, Wolfsgrueb, Schürli, Speck bis Sitzberg, dann weiter der Strasse entlang bis Büel und über Berg und Chäfer ins Aegetswil hinunter zur Töss. Ihr entlang geht es zurück zum geschilderten Ausgangspunkt. Nebst Rehen und Gämsen sind Hirsche zu beobachten und die Wildschweine natürlich. Der Luchs seinerseits benötigt als Revier für seine Beutezüge über 100 Quadrat-kilometer.

Das Reh als Delikatesse für Luchs und andere Tiere

Anfangs September hat ein Spaziergänger ausserhalb des Weilers Neubrunn am Rand der Lehrütistrasse ein gerissenes Reh gefunden. Er informierte Viktor Boller, der anhand der vorhandenen Spuren auf der Wiese und am Reh einen Luchsriss vermutete. Offensichtlich wollte der Luchs seine Beute zum nahen Bach hinunterziehen, musste es aber bleiben lassen, da sich diese im Gestrüpp verfing. Viktor Boller informierte den Luchsbeauftragten des Zürcher Oberlandes, Andreas Sudler aus Bauma. Dieser installierte am Tatort eine Infrarot-Fotokamera, auf der dann schliesslich der noch relativ junge Luchs dabei beobachtet werden konnte, wie er das Reh frisst. Auf den Bildern sieht man zudem, dass noch andere Tiere sich der Beute annehmen, wie zum Beispiel ein Milan. Innerhalb zwei Nächten war das Reh zur Hälfte gefressen.

Beim Gedanken, dass eine Wildkatze so nahe an einer Ortschaft herumstreift, mag einigen Leuten ein Schauer über den Rücken laufen. Doch der Luchs stellt für den Menschen keinerlei Gefahr dar. Zudem hat er bis jetzt kaum Nutztiere gerissen. Anders als die Wildschweine, die es in der Gegend bekannterweise häufig gibt, richtet er auch keinen Schaden in landwirtschaftlichen Flächen an. Um die Grosskatze in der Natur zu entdecken und zu beobachten, braucht es indes eine gehörige Portion Glück. Es lohnt sich nicht, sich in den Wald zu setzten und zu warten. Da drängt sich eher ein Besuch im Wildpark Bruderhaus in Winterhur auf, wo man die schöne Wildkatze auch sehen kann.