«Der Gemeinderat führt heute sehr viel strategischer»

Rudolf Bertels war rund zwölf Jahre Schulpräsident und Gemeinderat. Am 1. Juli tritt er zurück (Foto: hug)

Rudolf Bertels (FDP) war rund zwölf Jahre Präsident der Schule Bauma und Mitglied des Gemeinderates. Am 1. Juli endet seine dritte und letzte Amtsperiode und er tritt zurück. Nun will er sich vermehrt seiner Comic-Sammlung widmen und die gewonnene Freizeit geniessen.

In den letzten zwölf Jahren hat Rudolf Bertels (FDP) die Gemeinde Bauma und auch das Gesicht des Gemeinderates geprägt. Nicht nur hat er sich intensiv mit seinem Ressort, der Bildung, beschäftigt, unter anderem auf kantonaler Ebene im Verband der Zürcher Schulpräsidien. Der 61-Jährige hat sich auch immer zu anderen Geschäften zu Wort gemeldet, zum Beispiel an den Gemeindeversammlungen zu den Finanzen. Am 1. Juli endet nun Bertels dritte und letzte Amtsperiode und er tritt als Präsident der Schulpflege und als Gemeinderat zurück:

Herr Bertels, bald haben Sie ihren letzten Amtstag. Bereuen Sie den Entscheid zurückzutreten?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe bereits 2014 überlegt, keine dritte Amtszeit mehr anzuhängen. Mit Blick auf die damals kürzlich vollzogene Fusion mit Sternenberg habe ich jedoch beschlossen, nochmals zu kandidieren.

Sie waren rund zwölf Jahre Schulpräsident. Was hat sich in der Schule in dieser Zeit am meisten verändert?

Klar der Trend hin zur individuellen Förderung der Kinder. Das liegt nicht nur am Anspruch der Eltern, sondern entspricht einem generellen gesellschaftlichen Trend. Die individuelle Förderung ist heute zudem rechtlich verankert und deshalb zu befolgen. Eine weitere grössere Veränderung ist die vermehrte Integration von Kindern mit einem verstärkten Förderungsbedarf.

Was sind die Folgen dieses Trends?

Die Anforderungen an die Schule steigen. Um die individuellen Bedürfnisse der Kinder kümmern sich heute diverse Betreuungspersonen: Nebst den Lehrern zum Beispiel Klassenassistenzen, aber auch Heilpädagogen und Schulsozialarbeiter. Schule geben funktioniert immer mehr auch als Teamaufgabe. Früher war der Lehrer eine Art Kleinunternehmer, der zum Rechten geschaut hat. Die Arbeit des Lehrers hat dabei interessanterweise gerade einen Gegentrend erfahren. Er muss heute in einem engeren Korsett unterrichten. Es gibt de facto keine Methodenfreiheit mehr.

Im Sommer soll der Lehrplan 21 vom 1. Kindergarten bis zur 5. Klasse eingeführt werden. Was halten Sie davon und was bringt das für Veränderungen?

Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Schüler lernen, sich Kompetenzen anzueignen. In der Volksschule macht lernen, um der Anwendung willen sicherlich mehr Sinn, als um des Lernens willen. Auf den konkreten Unterricht wird der neue Lehrplan aber gar keinen so grossen Einfluss haben, wie manch einer meint.

Bleibt beim Erwerb von Kompetenzen aber genügend Zeit, um Basiswissen anzueignen, welches den Kompetenzen zugrunde liegen müsste?

Ja. Kein Kind wird wegen des Lehrplans 21 weniger gut rechnen oder schreiben können. Ausserdem nimmt der neue Lehrplan viele Sachen sinnvollerweise auf, zum Beispiel die
Digitalisierung. Diese können wir nicht aufhalten. Die Anschaffung von IT-Infrastruktur und deren Unterhalt macht den Unterricht aber nicht billiger.

Wir sind bei den Veränderungen in der Schule stehen geblieben. Was hat sich nebst der Individualisierung noch verändert?

Die Schule muss heute viel mehr gegen aussen kommunizieren, sei es mit der Öffentlichkeit oder den Eltern. Da besteht ein reges Bedürfnis. In Bauma lässt sich weiter eine gegenläufige Tendenz bei den Schülerzahlen im Vergleich zu anderen Gemeinden beobachten. Zu Beginn meiner Behördentätigkeit hatte Bauma 630 Schüler, was 16 Prozent der Bevölkerung entsprach. Momentan sind es ohne Sternenberg 480, was elf Prozent der Einwohner entspricht. Die hohen Schülerzahlen bei meinem Amtsbeginn hängen mit dem Bauboom von Einfamilienhäusern in den 70er/80er-Jahren zusammen.

Wie gestaltete sich in Ihrer Amtszeit die Personalsuche? War es jeweils schwierig, insbesondere Lehrer zu finden?

Von 2008 bis 2010 hatten wir sehr viel Mühe, geeignetes Sekundar-Lehrpersonal zu finden. Nach der kantonalen, strukturellen Lohnrevision der Lehrerlöhne 2012 – 2014 hat sich die Lage beruhigt. Momentan ist die Situation im Kindergarten nicht einfach. Einerseits liegt das daran, dass in der Ausbildung ein Angebot Kindergarte/Unterstufen-Lehrperson existiert und dass viele dieser Ausbildungsrichtung infolge des besseren Verdienstes wegen sich der Primarschule hinwenden. Andererseits hat dieser spannende Beruf ein Imageproblem, das auch eine Folge der
Öffentlichkeitsarbeit der Lehrerverbände ist. Die Darstellung, dass die Arbeit der Kindergärtner hauptsächlich in Verbindung mit dem Wechseln von Windeln steht, hat wenig mit der Realität zu tun.

Als Gemeinderat waren Sie in diversen Projekten involviert, zum Beispiel bei der Fusion mit Sternenberg.

Ja. Die Fusion mit Sternenberg war für die Gemeinde das grösste Projekt während meiner zwölfjährigen Amtszeit und ich war auf Seiten der Baumer einer der vehementesten Befürworter. Sternenberg und Bauma sind in den letzten Jahren ganz gut zusammengewachsen. Auch wenn es im Prozess die eine oder andere Friktion gegeben hat, so funktioniert die neue Gemeinde heute sehr gut. Was mich besonders freut, ist, dass durch die seit dem 1. August 2016 geöffnete Tagesschule der Schulstandort im Sternberg deutlich gestärkt werden konnte.

Generell wird Bauma heute viel positiver wahrgenommen, als noch vor 12 Jahren. Der Gemeinderat führt sehr viel strategischer und hat diverse Planungsinstrumente erarbeitet, wo auch ich aktiv beteiligt war. Früher hat man die Gemeinde einfach zu Tode gespart, um den Steuerfuss zu halten.

Sie haben sich an Gemeindeversammlungen immer wieder zu Wort gemeldet, zum Beispiel zu den Finanzen. Waren Sie eine Art Schatten-Gemeindepräsident?

Ich interessiere mich für sehr viele Fragen und äussere mich auch dazu. Durch meine Arbeit als Finanzsekretär der Gemeinde Bäretswil habe ich natürlich sehr viele Einblicke in die diversesten Aufgaben der Gemeinde. Ich habe kein Problem mit Hierarchien und Gemeindepräsident zu werden, war nie ein Thema für mich.

In einer Behörde ist man immer auch Kritik ausgesetzt. Was waren ihre prägendsten negativen Erlebnisse?

Ganz schwierig waren Entscheide als Mitglied der früheren Vormundschaftsbehörde, zum Beispiel die Anordnung einer Fremdplatzierung eines Kindes. Ich persönlich bin froh, dass darüber nicht mehr Milizpolitiker entscheiden, sondern die Kesb. Negativ in Erinnerung bleibt mir auch eine Schmutzkampagne im «Blick» gegen meine Person aufgrund eines möglichen pubertären Unfugs einiger Schüler. Und sicherlich hat der Gemeinderat bei der Sanierung des
Gemeindehauses eher unglücklich agiert. Ich war eine der treibenden Kräfte hinter der Definition der Gebundenheit dieser Ausgaben und der damit verbundenen Kompetenzverschiebung zum Gemeinderat. Im Nachhinein gesehen hätten wir mit dem Baukredit nie an die Urne dürfen. 

Sie haben sich auch intensiv mit den Kosten der Schule beschäftigt. Was sind Ihre Haupterkenntnisse?

Erstens, dass die Gesamtkosten für die Bildung steigen. Denn die individuelle Betrachtung des Kindes braucht mehr und zum Teil anderes ausgebildetes Personal. Zweitens wird heute für das Regelkind weniger Geld ausgegeben, während die Ausgaben für spezielle Massnahmen zugenommen haben, zum Beispiel in der Sonderpädagogik.

In diesen Trend passt, dass in Bauma das Pensum der Schulsozialarbeit um 20 auf neu 95 Prozent aufgestockt werden soll. Die Stimmbürger befinden darüber an der kommenden Gemeindeversammlung. Weshalb ist diese Aufstockung nötig?

Erstens wird die Notwendigkeit solcher Massnahmen nicht weniger, sondern mehr. Fangen wir früher damit an, sparen wir auf lange Sicht Kosten. Zweitens ist es nicht schlecht, wenn in der Schulsozialarbeit auch ein Mann angestellt ist. So ist es vorgesehen, falls die Aufstockung angenommen wird.

Wie spielt die Migration da hinein? Im 2014 hat der Gemeinderat dem kantonalen Asyldurchgangsheims in Bauma keine Bewilligung mehr erteilt. Daraufhin musste Bauma 30 Flüchtlinge aufnehmen, darunter mehr als die Hälfte Kinder, die beschult werden müssen.

Die Integration dieser Kinder war eine unserer grössten Herausforderungen. Heute sind diese Kinder gut integriert und brauchen auch keine Zusatzlektionen mehr in Deutsch als Zweitsprache. Jedoch stehen wir vor dem Problem, dass trotz der erfolgreichen Bemühungen im vorschulischen Bereich, vermehrt Kinder mit erheblichen Deutschmängeln in die Schule eintreten.

Hat sich die Strategie des Gemeinderates demnach, nur noch Flüchtlingsfamilien aufzunehmen, finanziell ausbezahlt?

Nein. Aber dem Durchgangsheim keine Bewilligung mehr zu erteilen, war ein sehr guter Entscheid. Damit haben wir einen sozialen Brennpunkt eliminiert. Es waren dannzumal ja bis zu 180 junge Männer in unserem Dorf. Das war schlicht zu viel.

Wie kann man in der Bildung auf Gemeindeebene Kosten sparen?

Man könnte die Skilager oder die Schwimmlektionen streichen. Beides sind sehr unbeliebte Massnahmen. Oder die Schule könnte nur noch junge Lehrer anstellen. Wir hätten dann sehr schnell und zu Recht ein Imageproblem. Als ich anfing betrug der Aufwand der Schule am Gesamtaufwand der Gemeinde etwa 57 Prozent, heute sind es 50.

Was werden Sie nun mit der gewonnenen Freizeit anstellen? Und werden Sie noch aktiv am Gemeindeleben teilnehmen?

Ich werde mehr lesen, mich meiner Comic-Sammlung widmen, mehr reisen und das Leben geniessen. Wenn möglich werde ich weiterhin die Gemeindeversammlungen besuchen. Voraussichtlich werde ich auch im Vorstand des Heimatwerkes bleiben, jedoch nicht mehr als offizieller Vertreter des Gemeinderates.

 

Zur Person
Rudolf Bertels wurde 1956 in Den Haag (NL) geboren und kam 1964 in die Schweiz. Er machte eine kaufmännische Lehre, bildet sich weiter zum diplomierten Controller und leitete unter anderem auch ein KMU. 2002 wechselte der Finanzspezialist zur Gemeinde Bäretswil als Finanzsekretär. 2005 liess sich Bertels einbürgern. Davor hatte er nur die niederländische Staatsbürgerschaft inne. 2006 wurde der heute 61-Jährige bereits in den Gemeinderat Bauma gewählt und übernahm das Ressort Schule. Rudolf Bertels ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und wohnt in Juckern. Er ist Mitglied der FDP. Ausserdem war er jahrelang im Vorstand des Verbands der Zürcher Schulpräsidenten.
Rolf Hug
Über Rolf Hug 144 Artikel
Redaktor
Kontakt: Webseite