«Der BGV hat seine Bestimmung  immer wieder gefunden»

Erwin Eugster forschte auch in alten Ausgaben des «Tößthalers» (Foto: Kai Hicks)

Der in Rämismühle wohnhafte Historiker Erwin Eugster verfasst die Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum des im Dezember 1918 gegründeten Bürgerlichen Gemeindevereins Zell. Es soll keine «Hurra-Broschüre» werden.

Es waren turbulente Zeiten, als der Bürgerliche Gemeindeverein Zell Ende 1918 gegründet wurde. Einen Monat zuvor, im November, fand der Landesstreik statt und stürzte den Schweizer Bundesstaat in die bisher schwerste politische Krise der Geschichte. Die Arbeiterbewegung wollte durch die landesweite Arbeitsniederlegung den politischen Druck erhöhen. Schweizweit patrouillierten freiwillige, bewaffnete Bürgerwehren, um die Ordnung gegen die Arbeiterschaft aufrecht zu erhalten. Der Zürcher Regierungsrat verlegte seinen Sitz in die Kaserne und forderte eine bewaffnete Bundesintervention. Ausserdem grassierte die tödliche spanische Grippe.

Auch in Zell war man in Sorge, ob all dieser Ereignisse. Viele Bürgerliche sahen in der Arbeiterschaft eine Bedrohung. Das Vorgehen der Bürgerwehren hielten viele zwar für legitim. Aber man befürchtete, dass solche «bürgerlichen» Aktionen schnell unkontrollierbar würden. Nebst dem Streik lag ein Grund zur Sorge auch darin, dass 1917 auf Kantonsebene das Proporzwahlrecht eingeführt wurde, mit satten Gewinnen für die Sozialdemokratische Partei (SP). Holte die SP 1914 im Majorzverfahren noch 46 Sitze im Zürcher Kantonsrat, waren es 1917 mit Proporz deren 82. Gerade umgekehrt verhielt es sich beim Freisinn und den Demokraten, dem linken Zwilling des Freisinns. Die beiden Parteien holten 1914 noch 171 Sitze, 1917 dann nur noch deren 82. 1917 gewann die neugegründete Bauernpartei, die Vorläuferin der heutigen SVP, auf Anhieb 45 Sitze.

Bürgerliche befürchteten, dass der Proporz bald auch in den Gemeinden Einzug halten würde. Grund genug also auf lokaler Ebene tätig zu werden und eine Art Dachorganisation gegen die in Zell 1908 gegründete Arbeiterbewegung zu organisieren, um bei den Wahlen in die Gemeindebehörden die Oberhand zu behalten. Anders als heute verfügten die anderen nationalen Parteien damals noch nicht über Ortsektionen in Zell. Diese wurden erst in den 1960er- und 1970er-Jahren gegründet.

Vorstand drohte in globo mit Rücktritt

Dass sich Demokraten, Bauernpartei und der lokale Freisinn aber nicht in allem einig waren, zeigt diese Episode: Bei der Gründungsversammlung des BGV Zell Ende Dezember 1918 stellte jemand den Antrag, der neue Verein möge doch Demokratischer Gemeindeverein heissen. Die Bauern brachten diesen Antrag aber zu Fall, weiss Erwin Eugster, der die Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum des BGV verfasst, die an der Generalversammlung 2019 vorgestellt werden soll. Der in Rämismühle wohnhafte Historiker mutmasst, dass dies ein Anzeichen dafür sein könnte, dass die Demokraten und der Freisinn, die den BGV dominierten, die Bauernpartei unter die Flügel zu nehmen versuchten. Denn schaut man sich die Wähleranteile bei der Nationalratswahl von 1919 an, die erstmals im Proporzwahlverfahren durchgeführt wurde, waren die Bauern die stärkste Kraft in Zell, vor der SP und weit vor den Demokraten. Der Freisinn wiederum spielte nur eine ganz marginale Rolle. 

«In der Anfangszeit des BGV gab es viele interne Differenzen», sagt Eugster. Mehrmals sei es vorgekommen, dass der ganze Vorstand in globo mit dem Rücktritt drohte. Diese internen Querelen konnten aber immer wieder überwunden werden, wenn sich der Verein auf ihr wichtigstes Motiv berief: Die Abwehr der «roten Bedrohung», wie es der Tagespräsident der Gründungsversammlung, Alfred Zehnder, nannte. Zu Beginn waren die Kämpfe gegen die lokalen Sozialdemokraten – die Arbeiterbewegung Zell ist Mitte 1918 zur SP übergetreten – heftig. Was die Anzahl Mitglieder betraf, herrschte ausserdem ein etwa ausgeglichenes Verhältnis. Die SP hatte in Zell 1918 rund 90 Mitglieder, der BGV nur leicht mehr.

Meist Goodwill des BGV entscheidend

«Bereits bei der zweiten Behördenwahl nach Gründung des BGV Mitte der 1920er-Jahre hatte sich die Lage aber beruhigt», erklärt Eugster, der an der Kantonsschule Büelrain in Winterthur Geschichte unterrichtet. «Der BGV und die SP sprachen sich ab, wer wie viele Kandidaten stellt.» Weil bei den Wahlen auf Gemeindeebene aber weiterhin der Majorz galt, hing es in der Folge vom Goodwill des BGV ab, ob die SP einen Kandidaten in den Gemeinderat brachte oder nicht. Stellte der BGV hingegen genauso viele Personen, wie es Sitze gab, hatte die SP meist keine Chance. Gemäss Eugster gab es diese Situation immer wieder. «Gerade wenn die weltpolitische Lage angespannt war, zum Beispiel in der Hochphase des Kalten Krieges.» In Anbetracht der Übermacht des BGV gab sich die SP meist mit einem Sitz zufrieden. Jedoch gab es auch Phasen, wo ihr der BGV aufgrund ihrer Wählerstärke zwei Sitze zugestand. Besonders ärgerlich war es für die SP dann, wenn sich aufgrund der Flügelkämpfe innerhalb des BGV doch mehr Kandidaten aufstellten, als angekündigt. «Die Bauern und Demokraten waren sich auch nicht immer einig und haben teils eigene Kandidaten gestellt ohne Rücksprache», erklärt der Historiker, der sich unter anderem mit der Herausgabe der neuen Winterthurer Stadtgeschichte einen Namen gemacht hat.

Mit dem Aufkommen der Ortsparteien in den 1960er- und 70er-Jahr erfuhr der BGV dann einen Wandel. «War er bis anhin unangefochten bei der Organisation der Wahlen, erwuchs ihm durch die Ortsparteien Konkurrenz», sagt Eugster. «Generell hat der BGV in seiner Geschichte immer wieder nach seiner Bestimmung gesucht und diese auch immer wieder gefunden.» In den 1930er-Jahren führte er deshalb Ortsrundgänge und heimatkundliche Diavorträge ein. In den 1970er-Jahren begann der BGV vermehrt zu Sachgeschäften Stellung zu nehmen und er blieb ein Wahlgefäss für bürgerliche Kandidaten aller Couleur, die in ein Amt auf Gemeindeebene möchten – und das bis heute.

Mögliche Vorgängerorganisation

Wie lange die Festschrift zum Jubiläum genau wird, weiss Erwin Eugster, der selber Mitglied des BGV ist, noch nicht. Jedoch soll es keine «Hurra-Broschüre» werden, sondern eine vertiefte historische Auseinandersetzung mit einem Verein, der für die kommunale Politik der letzten 100 Jahre von grosser Bedeutung war. Die grösste Schwierigkeit stellt für ihn die Bebilderung dar. «Aus früheren Zeiten gibt es fast keine Fotos, sondern nur Inserate.» Nebst den Protokollen und Ordnern des BGV hat er ebenso diverse Jahrbände des «Tößthaler» durchforstet. Dabei machte er eine interessante Entdeckung: Auf einem Wahlinserat für die Schulpflege von Mitte April 1918 ist von einer bürgerlichen Gemeinde-organisation die Rede. «Dies könnte eine Art Vorgängerorganisation des BGV gewesen sein», folgert der Historiker.

Und noch etwas fiel ihm auf: Die immer stetere Dokumentierung und Verschriftlichung im Verlaufe der letzten 100 Jahre. «Die Protokolle der ersten 51 Jahre BGV passen in einen einzigen Bundesordner. Der nächste Ordner umfasst die nächsten 18 Jahre. Und in neuster Zeit füllt schliesslich ein einziges Jahr einen ganzen Ordner.»

Rolf Hug
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