Der Baumer mit der «Zauberorgel»

Seine Drehorgel ist Ledermann kostbar. Auf Anfrage gibt er im passenden Tenue Konzerte (Foto: ek)

Am Bichelsee aufgewachsen, verschlug es Walter Ledermann 1969 erst nach Afrika, um sich ein Jahr später auf immer im Tösstal niederzulassen. Heute ist er 73 und aktiv wie eh und je – die Aufarbeitung des Baumer Chronikarchivs ist nur eine seiner Leistungen.

«Je mehr ich mich mit dem Ort befasse, umso interessanter wird er – Bauma ist mir ans Herz gewachsen», erzählt Walter Ledermann. Seit 1970 lebt er in Bauma. Bevor er sich hier niederliess, musste er in die weite Welt. «Ich wuchs in Seelmatten am Bichelsee auf. Mit Anfang 20 zog ich nach Wila und trat meinen ersten Job als Lehrer an. Wieso ich gleich darauf nach Afrika ging? Weil es mir in Wila so gut gefallen hat.» Ledermann spürte: Hier im Tösstal wolle er bleiben. Aber die Welt sehen wollte er auch. Er fand die Gelegenheit bei der methodistischen Mission in Turbenthal und verpflichtete sich zu drei Jahren Aufbauarbeit als Lehrer in Afrika. 1969 reiste er in die heutige demokratische Republik Kongo – nach Zaïre.

Gerne erinnert er sich noch heute an die intensive Zeit in Zaïre. So viel habe er gesehen und erlebt. Ein einheimischer Krankenpfleger, mit welchem er damals häufig abends noch zusammensass und schöne und spannende Gespräche führte, wurde später mal von der Mission in die Schweiz eingeladen. Während seinem Aufenthalt konnte dieser auch Ledermann einen herzlichen Besuch abstatten. Ob der Mann heute noch lebe, weiss Ledermann nicht. Er würde sehr gerne wissen, was aus seinen ehemaligen Schülern und all den Menschen, die er getroffen hat, geworden ist. Leider brachen fast alle Kontakte irgendwann ab.

Zuerst eine Stelle an der Oberstufe

Kurz vor seinem Reiseantritt nach Afrika lernte Ledermann seine erste Frau kennen. Sie verliebten und verlobten sich und planten ihren Nachzug. Seine Briefe in die Heimat, gespickt mit lebhaften Erzählungen aus dem wilden Busch, liessen die Braut allerdings das Interesse am Nachzug auf den schwarzen Kontinent verlieren. 1970, nach schon einem Jahr, kam Ledermann wieder heim. «Wäre ich drei Jahre geblieben, wäre ich heute vielleicht nicht hier», erzählt er nachdenklich, «ich war an Malaria erkrankt.» Ein guter Grund, den Aufenthalt frühzeitig abzubrechen und zugunsten der in der Schweiz wartenden Liebe heimzukehren.

Das vereinte Paar zog nach Bauma, wo Ledermann erst eine Stelle an der Oberstufe bekam und nach zwei Jahren dann an die Primarschule wechselte. 36 Jahre war er in Bauma als Lehrer tätig und ist im Dorf schon deshalb ein Altbekannter. Bis 2004 arbeitete er zusätzlich für die Bibliothek. Insgesamt 33 Jahre, 25 davon als Präsident. Stolz erzählt er, wie der Bücherbestand immer à jour gehalten wurde und die jährlichen Ausleihen in dieser Zeit von 1200 auf 25’000 stiegen.

10’000 Fotos und unzählige Dokumente

Und dann, kurz nach seiner Pensionierung, fragte ihn die Gemeinde an, ob er Zeit hätte, sich etwas anzuschauen: Der heute 90-Jährige Baumer Walter Sprenger hat sein Leben lang alle möglichen Unterlagen, Bilder und Zeitungsberichte von Bauma gesammelt und selber unzählige Fotos gemacht. 2008 übergab er seine gesamte Sammlung der Gemeinde. Die dachte an den pensionierten Lehrer. Ob er sich der Sache annehmen würde? Ledermann war interessiert, die Sammlung durchzuschauen und zu ordnen und sagte zu. «Da hat eine riesige Arbeit auf mich gewartet,» erzählt er. Rasch merkte er, es wäre keine Lösung, wenn bloss er tagelang in diesem Archiv wühlen und sonst niemand etwas davon sehen würde. Von Anfang an war ihm klar, das Material musste richtig katalogisiert, archiviert, digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Zusammen mit Peter Geering und Karl Zopfi hat Ledermann dann das Chronikarchiv aufgebaut. Ein grosser Teil der etwa 10’000 neuen und alten Fotos wurde eingescannt und online veröffentlicht. Das Archiv selber ist einmal im Monat geöffnet, damit Interessierte Einsicht in die Dokumente nehmen können. Ledermann weiss, Baumas Geschichte ist für viele sehr spannend. Sie bietet viel an Industriegeschichte und nicht selten kommen Anfragen von Ahnenforschern. Einmal im Jahr gibt es auch eine Dorf-Führung durch Bauma. Letztes Mal kamen 38 Leute, zum Teil auch alte Baumer. Das hat ihn sehr gefreut. Als Ergänzung zum Archiv geplant sind Tafeln für vorerst 20 historische Häuser im Dorf. Darauf sollen etwa drei Informationen stehen, ein historisches Bild zu sehen sein und ein QR-Code, für mehr Informationen übers Smartphone.

Seine Arbeit im Chronikarchiv zog weite Kreise und Ledermann wurde zur Mitarbeit angefragt, als 2014 die Kulturkommission Zürioberland die Projektgruppe «Industrielandschaft Zürcher Oberland» ins Leben rief. Seit Beginn ist er Mitglied dieser Projektgruppe unter Hans Thalmann, ehemaliger Stadtpräsident von Uster. Deren Ziel ist es, das industrielle Kulturerbe des Zürcher Oberlandes zu schützen und im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

Theatermensch und Drehörgelimaa

Auch für das Theater setzt sich Ledermann bis heute leidenschaftlich ein. Für das Schultheater hatte er 25 Theaterstücke und Texte von Schauspielern wie Ines Torelli und Jörg Schneider bearbeitet. Das war nötig, weil er immer darauf geachtet hat, dass jedes Kind eine Rolle bekam. «Es war mir immer sehr wichtig, dass wirklich jedes Kind auf der Bühne stehen und etwas sagen konnte.» Selber geschauspielert hat er schon früh, auch zusammen mit dem Zürcher Theaterproduzenten und Ehemann von Ines Torelli, Edi Baur. Durch die Zusammenarbeit mit den Theaterleuten und den Besuch einiger Kurse, konnte er viel lernen. Ledermann begann in den 90er-Jahren, selber Regie zu führen und hat bis heute zwei eigene Schultheater und eines für Erwachsene verfasst. Mit seiner Gruppe probt er wöchentlich auf der Bühne der Mehrzweckhalle Altlandenberg, für deren Bau er damals auch zu Rate gezogen wurde: «Die Leute wussten, dass ich ein Theatermensch bin. Wenn man so lange in einem Dorf lebt, lernt man das Dorf kennen – wenn man sich selber noch engagiert, weiss man auch vieles, dass nicht unbedingt alle wissen. Eben, zum Beispiel wie eine Theaterbühne aussehen sollte.»

Ebenfalls bekannt ist Ledermann für seine Drehorgel-Einsätze, an welchen er im schönen Gehrock und Zylinder auftaucht. Zu diesem Instrument gekommen ist der Lehrer dank einem Schülertheater. Zur Auffüh-
rung von Jörg Schneiders «Zauberorgel» wollten sie eine Drehorgel mieten. Bloss, wer solch einen edlen Leierkasten besitzt, gibt ihn nicht aus den Händen – schon gar nicht einer Horde Kinder – mögen die Absichten auch noch so gut sein. Im Drehorgelmuseum Lichtenstein fand Ledermann eine seltene «Oehrlein», die er sich nach gehörigem Nachdenken und Besprechen mit seiner Frau kaufte. Allerdings kam auch dieses Instrument im Schultheater nicht zum Einsatz: «Nein, die ist zu kostbar. Die kann man nicht einfach den Schülern in die Finger geben. Amänd fallt sie no vo de Bühni,» erzählt Ledermann lachend. Die Schüler haben schlussendlich selber eine Orgel gebastelt, mit integriertem Tonband. Ledermann spielt dafür sein Schmuckstück regelmässig als Drehörgelimaa am Baumer Weihnachtsmarkt oder auf Anfrage mal an einem Altersnachmittag oder einer Hochzeit. «Letztes Jahr war’s spannend, da habe ich für das ATTAT-Spital in Äthiopien gesammelt. Ich war Mitglied in diesem Verein, der die Menschen dort unterstützte. Also habe ich beim letzten Weihnachtsmarkt ein Plakat an meine Orgel gehängt und die Leute haben 560 Franken gespendet. Das Geld habe ich sofort nach Afrika geschickt. Dort kann man mit diesem Betrag sehr Vieles machen.»

Auch mit 73 noch weit in die Welt hinaus

Hier im Tösstal erzählt Ledermann dafür regelmässig über seine Reisen in die Ferne. Seine erste Frau verstarb 1998 und Ledermann hat 2006 zum zweiten Mal, die Craniosacral-Therapeutin Luzia Brülisauer, geheiratet. Der heute 73-Jährige ist glücklich, dass auch sie gerne reist. «Zusammen suchen wir uns Orte aus, die sonst nur wenige bereisen: Myanmar, Nord-Thailand, Iran, China,» schwärmt er. Die Eindrücke gibt Ledermann bei Dia-Vorträgen im Auftrag der Bibliothek wieder. Im April wird er über Georgien und Armenien berichten und im Oktober macht sich das Paar auf zur nächsten Reise nach Ecuador.

Für etwas Bewegung und Kameradschaft in seinem Alltag turnt Ledermann mit der Männerriege. Zusammen mit seinen Turnkollegen unternimmt er regelmässig lange Wanderungen. Die Idee kam mit dem Wunsch eines Kollegen, das Oktoberfest in München zu besuchen. Dem wurde zugestimmt, allerdings unter der Voraussetzung, dahin zu wandern. 14 Tage dauerte der Marsch und Ledermann war begeistert. Nicht wegen dem Bier im Überfluss, das interessierte ihn herzlich wenig, sondern weil es eine weitere Herausforderung in sein Leben brachte.