Den einstigen Schulmeister zieht es nach Schweden

Ueli Wyss räumt Haus und Scheune – mit seiner Frau Susanne wandert er nach Schweden aus (Foto: ww)

Ueli Wyss war von 1994 bis 2006 Gemeindepräsident von Wila. Er gab der Gemeindeentwicklung positive Impulse und hatte stets pragmatische Lösungen und ein offenes Ohr für Minderheiten. Bald wird er das Tösstal verlassen und an den Vätternsee nach Schweden ziehen.

Rund um das Gehöft siehts anders aus als auch schon. Die Schafe und Pferde sind nicht mehr da. Ueli Wyss, der neben seinem Lehrerberuf zusammen mit seiner Frau Susanne im Hinterauli jahrelang Kleinlandwirtschaft betrieb, räumt Haus und Scheune. Im Laufe dieses Jahres wird er Wila «Adieu» sagen, denn in Schweden, der Heimat von Susanne, wartet ein schönes Wohnhaus.

«Der Abschied ist mit Wehmut verbunden», sagt Ueli Wyss. Er liebe das natürliche Steinenbachtal mit Feld, Wald und stotzigen Hängen. Viel Natur erwarte ihn aber auch in Schweden. «Die dortige grossartige und meist dünn besiedelte Landschaft fasziniert mich sehr.»

Vom Unterland ins Steinenbachtal

Ueli Wyss wuchs im Zürcher Unterland auf. Nach der Matura studierte er an der ETH Zürich Physik. Um Geld zu verdienen gab er gelegentlich Schulunterricht und blieb schliesslich ganz am Lehrerberuf hängen. 1980 erwarb er ein kleines Heimwesen im Steinenbachtal, wo er Schafe, Pferde und Kleintiere hielt. Dies mit massgeblicher Unterstützung seiner aus Schweden stammenden Frau Susanne. «Das bot mir einen idealen Ausgleich zu Beruf und Politik.»

Ende 1988 wählten ihn die Wilemer in den Gemeinderat. Als Werkvorsteher lernte er die Gemeinde rasch kennen, denn die Übernahme der teils maroden Wasserversorgung von der aufgelösten Zivilgemeinde stand an. «Eine grosse Unterstützung boten mir Hans König und Werner Furrer, die das ganze Wasserleitungsnetz bestens kannten», erinnert sich Ueli Wyss.

Linksliberaler wird Präsident einer SVP-Gemeinde 

Nach fünf Gemeinderatsjahren wurde Ueli Wyss 1994 zum Nachfolger von Ernst Jucker als Gemeindepräsident gewählt. Mit seinem linksliberalen und ökologischen Denken stand er den Sozialdemokraten nahe und schlug den Kandidaten der dominierenden SVP deutlich. Ueli Wyss erklärt sich das so: «Die Bevölkerung suchte eine Veränderung, sie wollte nicht nur bewahren und verwalten, sondern offen sein für Neues.» Das klare Ergebnis habe ihn überrascht, aber natürlich gefreut.

Als Gemeindepräsident hatte er eine Vision: «Die Gemeinde muss sein wie eine grosse Familie; man arbeitet zusammen, sucht gemeinsame, tragfähige Lösungen und hilft einander.» Mit dieser Grundhaltung stieg er ins Amt. Wichtig war für ihn, die Aufgaben pragmatisch anzugehen und keine Parteidogmen zuzulassen.

Kleines «Verkehrsinseli» mit grosser Wirkung

Als Schwerpunkte in seiner Amtstätigkeit nennt Ueli Wyss das erste Leitbild der Gemeinde Wila, die Ortsplanung, die Erneuerung der Wasserversorgung, den Bau des Wärmeverbundes, die Revision der Gemeindeordnung, die Erweiterung der Alterssiedlung sowie die Erstellung des Altersleitbildes mit der Gründung der Alterskommission.

Besonders glücklich machte ihn ein an und für sich kleines, aber nachhaltiges Projekt: Der Bau einer Schutzinsel auf der Tösstalstrasse beim Volg. «Die Realisierung durchzusetzen – gegen die Absicht des Kantons – war nicht einfach.» Damit sei es aber gelungen, den zunehmenden Durchgangsverkehr durchs Dorf ein klein wenig zu beruhigen und für die Fussgänger die Sicherheit etwas zu verbessern. Besonders amüsant sei aber auch die Gründung der Genossenschaft «Schlachthüsli Huswies» gewesen. Mit dem späteren Bundesrat Ueli Maurer sei zur mitternächtlichen Stunde in der «Traube», dank der vielen Anekdoten von Bauern, viel gelacht worden.

Impulse für attraktives Dorfleben

Immer wieder suchte Ueli Wyss nach Möglichkeiten, das Dorfleben attraktiv zu machen. «Ich wollte, dass sich die Bewohner wohl fühlen und neue Leute zuziehen». Heute nenne man das Standortmarketing.

Grosse Ausstrahlung hatte 1995 das Dorffest zum 150-jährigen Bestehen des Männerchors. Dabei wurde eine Lokomotive auf den Namen Wila getauft und die Bevölkerung konnte eine Gratisrundfahrt machen. 1995 fand auch der erste Weihnachtmarkt statt.

«Die Gemeinde muss sein wie eine grosse Familie»

Vielfältig war das Programm im Jubiläumsjahr 1998 (150 Jahre Bundesstaat), das von Schule, Kirche, Vereinen und spontan gegründeten Gruppierungen bestritten wurde. Dabei kamen auch unkonventionelle Ideen kleiner Teams zum Tragen. Unter anderem wurde die Geschichte traditioneller Wilemer Häuser dokumentiert, eine Ausstellung mit Wilemer Kunstschaffenden auf die Beine gestellt, ein Musical einstudiert, ein Theaterprojekt lanciert sowie das Naturschutzprojekt Würbel realisiert.

Bei der 125-Jahr-Feier der Tösstalbahn im Jahre 2001 war Ueli Wyss OK-Präsident und verfasste die Festschrift. Es war ein Fest aller Töss-
tal-Gemeinden. In jeder Gemeinde spielte auf einem Bahnhof eine berühmte Band. In Wila war dies der Einheimische Toni Vescoli mit seinen «Les Sauterelles»

Überkommunales Engagement

Besonders am Herzen lag ihm die junge Generation. Deren Bedürfnisse eruierte er in einer Umfrage und an einer Jugendgemeindeversammlung. Der Wunsch der Schuljugend war ein Treffpunkt in Wila, jener der Schulentlassenen eine Spätverbindung nach Winterthur. So setzte er sich für die Schaffung des Jugendtreffs im Peterhaus ein und initiierte den Nachtbus Tösstal. Viele Jahre lang organisierte er auch das Tösstaler Schülerturnier mit rund 500 Teilnehmenden. All diese Aktivitäten seien zwar arbeitsaufwendig gewesen, lacht Ueli Wyss, sie hätten die Gemeinde aber wenig Geld gekostet.

Viel Zeit wendete Ueli Wyss auf für seine überkommunalen Funktionen. So präsidierte er die Vereinigung Pro Zürcher Berggebiete, die Gruppenwasserversorgung Tösstal, den Abwasserverband Tösstal sowie den Altersheimzweckverband Tösstal. Bei letzterem wirkt ein Wermutstropfen nach: Das von seiner Kommission erarbeitete baureife Projekt für das Pflegeheim Turbenthal sei kurz vor der Realisation gestoppt worden, wodurch viel Geld in den Sand gesetzt worden sei. Trotzdem freue er sich nun aber an der kürzlich abgeschlossenen Sanierung.

Ausländische Dorfbevölkerung integrieren

Zu schaffen machte ihm die latente Ausländerfeindlichkeit. Deshalb initiierte er 2004 zusammen mit Kirche, Schule und Dorfvereinen ein grosses «Mitenand»-Fest, um die ausländische Bevölkerung besser zu integrieren. In diesem Zusammenhang erinnert sich Wyss an die schwierige Zeit mit den Auftritten von Skinheads im Tösstal. Viele Wochenenden sei er auf Pikett gewesen, weil sich jugendliche Gruppierungen in unseren Dörfern Schlägereien lieferten.

Als Lehrer unterrichtete Ueli Wyss 40 Jahre auf allen Volksschulstufen, 29 Jahre in Turbenthal, zuletzt an der Mehrklassenschule Schmidrüti. Der Beruf habe ihm stets Freude bereitet. Natürlich seien die Lehrpersonen im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen heute anders gefordert als früher, stellt er fest. Das habe er aber eher als herausfordernd statt belastend empfunden. Einer seiner Grundsätze sei es gewesen, jedes Kind so zu nehmen, wie es ist. Als Lehrer habe er sich immer für das verantwortlich gefühlt, was im Klassenzimmer, auf dem Schulhausplatz und auf dem Schulweg passiere; nie habe er sich aber in die Belange der Eltern eingemischt.

Penibler Steuerfuss-Streit

Auch zwölf Jahre nach seinem Rücktritt als Gemeindepräsident verfolgt Ueli Wyss das politische Geschehen noch mit grossem Interesse. Nicht an allem hat er Freude. So bedauert er, dass sich der Gemeinderat verstärkt auf das strategische Führen konzentrieren und das Operative an die Verwaltung delegieren will. Für ihn gehört die politisch verantwortliche Person nach wie vor «an die Front». Er habe manchmal das Gefühl, dass sich die Entscheidungsträger hinter Experten versteckten, statt in Selbstverantwortung Entscheide zu fällen. Schlecht würde er es zudem finden, wenn die Gemeinde ihre Finanzknappheit mit Landverkäufen zu überbrücken versuchte.

«Die teils unsachliche Diskussion und die unfaire Kritik empfand ich als beschämend»

Als an der jüngsten Gemeindeversammlung um den Steuerfuss gestritten wurde, habe der Gemeinderat aus seiner Sicht überzeugend argumentiert. «Die teils unsachliche Diskussion und die unfaire Kritik an Gemeinderat und der Rechnungsprüfungskommission empfand ich als beschämend». Ueli Wyss ist überzeugt, dass die Höhe des Steuerfusses nicht der entscheidende Faktor für die Attraktivität einer Gemeinde ist. Die allgemeine Wohnqualität, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die Versorgungslage und das gesellschaftliche Klima seien mindestens ebenso wichtig.

Freut sich auf Besuche aus der Schweiz

Wenn im Hinterauli alles aufgeräumt und der Hof verkauft ist, werden Ueli und Susanne Wyss nach Vadstena am Vätternsee in Schweden ziehen. An diesem Ort mit rund 4000 Einwohnern, der Heimat von Susanne, lebt heute schon Wyss’ Tochter Linn und betreut ein Kulturzentrum. Wila aber, so betonen beide, werden sie nicht vergessen. Im Gegenteil, sie freuen sich darauf, dann und wann Besuch aus dem Tösstal zu empfangen.