«Das Verändern und das Weiterentwickeln liegen mir im Blut»

«Probleme und Herausforderungen gehören auf den Tisch», sagt Martin Lüdin, während er seinen Badge auf die Tischplatte legt. (Foto: Massimo Diana)

Martin Lüdin war von 2010 bis Ende Juni 2018 Gemeindepräsident von Zell. In den Gemeinderat wurde er bereits 2006 gewählt. Seit dem 1. Juli ist er wieder ein gewöhnlicher Bürger.

Bei seiner offiziellen Verabschiedung an der Gemeindeversammlung vom 18. Juni wurde Gemeindepräsident Martin Lüdin von seinem ebenfalls 2006 gewählten Gemeinderatskollegen und 1. Vizepräsident Kurt Nüesch als Mensch charakterisiert, der sich überdurchschnittlich für das Wohl der Gemeinde engagiert habe. Lüdin habe keine Konflikte gescheut und sei nicht immer pflegeleicht gewesen, rief Nüesch damals in Erinnerung, doch gleichzeitig habe er grosse Freude an seiner Aufgabe und am Kontakt mit der Bevölkerung gehabt.

Wer Martin Lüdins berufliche und politische Laufbahn betrachtet, dem fällt rasch auf: Wenn er sich für etwas engagiert, dann immer mit mindestens 100 Prozent Einsatz. Ob als Unternehmer in der IT-Branche, als IT-Manager in einer grossen Bank, als Gemeinderat oder Gemeindepräsident: Lüdin genügte es nie, nur sein Pflichtenheft zu erfüllen. Er gehört eindeutig zu jenen Menschen, die nicht an Ort treten, sondern etwas in Bewegung setzen wollen.

Mindestens 100 Prozent Einsatz

Trotzdem: Seine politische Laufbahn war nicht unbedingt vorgezeichnet, obwohl ihn Politik schon immer interessiert hat. Denn beruflich war er immer stark engagiert. Zuerst als selbstständiger Unternehmer und Vorgesetzter von zwölf Mitarbeitenden, später als Mitglied der Direktion der Zürcher Kantonalbank mit Verantwortung für die IT-Infrastruktur. «Durch das Wahlforum 2005 wurde ich angefragt, ob ich interessiert sei, für den Gemeinderat zu kandidieren», erinnert sich Lüdin im Gespräch mit dem «Tößthaler». «Ich sagte aber zu, in der Meinung, dass ich ohnehin nicht ­gewählt würde.»

Die Wahlberechtigten der Gemeinde Zell waren jedoch anderer Ansicht und wählten ihn. Im Gemeinderat übernahm Lüdin das Ressort Sicherheit, Gesundheit und Familie sowie Jugend und Sport. Gleichzeitig nahm er als Vertreter des Gemeinderats Einsitz in verschiedene Gremien, beispielsweise in den Vorständen der Spitex Zell oder der Jugendarbeit mittleres Tösstal. Dies erlaubte ihm, ein grosses Beziehungsnetz innerhalb der Gemeinde aufzubauen.

Freude an der Politik gefunden

Später gab der damalige Gemeindepräsident Ernst Huggler bekannt, dass er nach Ablauf der Amtszeit nicht mehr kandidieren werde. Da hatte Martin Lüdin bereits so viel Freude an der Politik gefunden, dass er sich vorstellen konnte, der neue Gemeindepräsident von Zell zu werden. 2010 kandidierte er für das Gemeindepräsidium und wurde gewählt. Er übernahm das Präsidiale sowie das Ressort Finanzen und präsidierte die Kulturkommission. «Ich wollte aber nicht einfach in die Fusstapfen meines Vorgängers treten, denn mir liegen das Verändern und das Weiterentwickeln im Blut», sagt Lüdin. Deshalb bildete er sich an der Fachhochschule St. Gallen weiter und absolvierte 2011 bis 2012 den Nachdiplomlehrgang (CAS) Gemeindeentwicklung. «Ich hatte mir damit eine klare Vorstellung angeeignet, wie sich die Gemeinde Zell weiterentwickeln könnte. Dieser Lehrgang öffnete mir den Horizont und gab mir die Instrumente, um die Veränderungen zu realisieren, die ich anstreben wollte», erinnert sich Lüdin und ergänzt: «Viele Veränderungsprozesse in einer Gemeinde lassen sich projektmässig organisieren. Dies kam mir entgegen, denn das Projekthandwerk kannte ich sehr gut aus meiner beruflichen Tätigkeit.»

Lüdin zeichnet ein Quadrat auf ein Blatt Papier und unterteilt dieses in vier gleich grosse Felder. In jedes Feld setzt er einen Buchstaben, der für «Stärken», «Schwächen», «Chancen» und «Risiken» steht (SWOT-Analyse). «Mir fällt es leicht, etwas rasch zu analysieren und das Wesentliche herauszuschälen», sagt Lüdin und erklärt seine Grafik: «Veränderung soll sich an einer Vision oder einem Leitbild ausrichten und darauf abzielen, Schwächen zu eliminieren und sich bietende Chancen wahrzunehmen.»

Langsamkeit als Qualität

Aber war der Schritt vom Unternehmer zum Gemeindepräsidenten kein Kulturschock? «Ja, ich musste mich umgewöhnen», bekennt Lüdin freimütig. «Man merkt in einem Exekutivamt rasch, dass man nicht alles selbst entscheiden kann, wie in einem Unternehmen. Politik ist zwar träge. Aber diese Trägheit ist auch eine Qualität und bürgt für Kontinuität.» In seiner ersten Amtszeit als Gemeinderat sei er in die politischen Entscheidungsprozesse der Gemeinde «hineingewachsen». Er veranschaulicht dies am Beispiel des Rahmenkredits von 25 Millionen Franken für Massnahmen im Hochwasserschutz: «Von der Idee bis zur Urnenabstimmung im kommenden September werden es zwei Jahre sein.»

Veränderungen, ob im Unternehmen oder in einer Gemeinde, seien aber nur möglich, wenn man möglichst viele Menschen dafür gewinnen könne, weiss Lüdin. Dies gehe aber nicht ohne Konflikte. Davor fürchtet er sich aber nicht: «Kritik und Konflikte bergen viele Chancen für bessere Lösungen.» Er nimmt einen Badge in die Hand, um seine Vorgehensweise bei Konflikten zu veranschaulichen: «Probleme und Herausforderungen gehören auf den Tisch», sagt er, während er den Badge auf die Tischplatte legt. Wenn man Konflikte hingegen in sich hineinfresse, komme das nicht gut heraus. Wichtig sei zudem, Konflikte und Kritik nicht persönlich zu nehmen, denn meistens gehe es dabei um eine bestimmte Sache und nicht um die Person. Als Gemeindepräsident repräsentiere er nun einmal die Gemeinde und so sei es nicht ungewöhnlich, dass Bürgerinnen und Bürger dächten, er sei über alles informiert, was in der Gemeinde laufe und sei deshalb auch für alles zuständig. «Einmal meldete mir jemand, es sei ihm Holz gestohlen worden. Ich konnte nur zurückfragen, ob er dies bereits der Polizei gemeldet habe – Ersatz konnte ich ihm nicht liefern», erzählt Lüdin.

Bedeutende Projekte umgesetzt

Blickt man auf Martin Lüdins achtjährige Präsidialzeit zurück, stellt man fest, dass es ihm gelungen ist, mehrere bedeutende Projekte aufzugleisen und umzusetzen. Zu den erfolgreich umgesetzten Projekten gehört das Leitbild für die Gemeinde Zell, welches die übergeordneten Ziele für die Gemeinde festlegt. Mit der Rägeboge-Mehrzweckhalle und den dazugehörigen Schulanlagen in Kollbrunn ist es Lüdin gelungen, einen lang gehegten Wunsch der Bevölkerung zu realisieren. Aber auch die Vorbereitungen für die neue Behörden- und Verwaltungsorganisation ab 1. Juli 2018, welche dem Ge­meinderat mehr strategischen Funktionen zuweist und die ­operativen Aufgaben der Gemeindeverwaltung überlässt. Und schliesslich ist auch die langfristig ausgelegte Finanzpolitik zu erwähnen, die für einen langfristig stabilen Gemeindehaushalt sorgt.

Freiräume zurückgewinnen

«Ich werde auch in Zukunft politisch bleiben», lässt Martin Lüdin zu seinen Zukunftsplänen durchblicken, doch vorerst will er Freiräume für sich zurückgewinnen und seine Termine selbst festlegen: «Wenn mich meine Enkel fragen, ob ich mit ihnen etwas unternehme, brauche ich sie nicht mehr zu vertrösten, weil ich an einer Gemeindeversammlung oder Ehrung teilnehme.» In den nächsten Monaten wird sich Martin Lüdin mit seiner Frau auf eine längere Süd- und Mittelamerika-Reise begeben, die ihn nach Kuba, Panama, Costa Rica und Nicaragua führen wird. Und danach überlegt er sich, nochmals ein Studium anzufangen.

«Dank meinem Amt als Gemeindepräsident habe ich die Gemeinde Zell und ihre Menschen erst richtig kennengelernt. Früher habe ich in Zell nur geschlafen», bilanziert Lüdin und betont: «Wenn ich in meinen Reden und Grussbotschaften von der ’schönen Gemeinde Zell’ sprach, sagte ich dies nicht, um Werbung zu machen, sondern aus Überzeugung».