Das Tösstal darf über sich hinauswachsen

Dieses Jahr haben die Tösstalerinnen und Tösstaler einen neuen Massstab gesetzt, an dem sie sich künftig selbst messen können: Das Zürcher Kantonalturnfest 2017 in Rikon war einer der grössten Sportanlässe in der ganzen Schweiz: Weit über 10’000 Turnerinnen und Turner nahmen daran teil, über 20’000 Besucherinnen und Besucher wohnten den sportlichen Wettbewerben, den kulturellen Anlässen und den festlichen Umzügen bei.

Alles klappte wie am Schnürchen und am Schluss stimmte auch die Rechnung. Zu diesem Erfolg trugen rund 250 ehrenamtliche Mitglieder des Organisationskomitees und über 2000 freiwillige Helfer bei, welche über 50’000 Helferstunden leisteten. Bemerkenswert ist zudem, dass alle Tösstaler Gemeinden, die Turn- und Sportvereine und viele weitere Vereine sich geschlossen und mit Überzeugung für dieses grosse Vorhaben engagierten.

Die Tösstalerinnen und Tösstaler haben mit ihrem selbstverständlichen, unermüdlichen und ehrenamtlichen Engagement Berge bewegt. Anderswo hätte man eine professionelle Organisation aufziehen müssen. Wenn man also eine wichtige Lehre aus dem Erfolg des Kantonalturnfestes 2017 ziehen darf, dann diese: Halten alle Gemeinden und Vereine zusammen und arbeiten auf ein Ziel hin, dann sind im Tösstal grosse Würfe möglich, sogar dann, wenn eigentlich wenig Geld für grosse Projekte übrig wäre. Diese Lehre gilt es in den kommenden Jahren zu beherzigen. Denn auf die Tösstaler Gemeinden kommen einige Knacknüsse zu.

Es ist hinlänglich bekannt: Der Kanton spart, indem er immer mehr Aufgaben auf die Gemeinden abwälzt. Gleichzeitig müssen die meisten Gemeinden im Tösstal ihre Strassen und Betriebsliegenschaften, ihre Schulen und Sportanlagen instand halten. Millionenbeträge sind dazu notwendig und häufig ist damit auch eine Erhöhung des Steuerfusses verbunden.

Unter diesen Voraussetzungen ist es durchaus verständlich, dass den Stimmberechtigten nicht danach ist, über grosse Würfe nachzudenken. Und so klang es tössauf- und tössabwärts anlässlich der Budget-Gemeindeversammlungen in allen Gemeinden etwa gleich:

Steuerfusserhöhungen werden argwöhnisch begutachtet und Geld wird, wenn schon, nur für den notwendigsten Unterhalt locker gemacht. «Die Zeit der grossen Investitionen ist vorbei», hiess es an
verschiedenen Gemeindeversammlungen im Dezember. In diesen Momenten scheint der Geist, der das Kantonalturnfest 2017 möglich gemacht hat, plötzlich vergessen zu sein. Ja, grosse Würfe sind im Tösstal möglich, wenn die Bereitschaft zur Zusammenarbeit nicht nur von Geldfragen, sondern auch vom gemeinsamen Feuer der Begeisterung geprägt ist. Deshalb blenden wir nochmals zurück: Was brauchte es, um den Funken zu entfachen, der die Begeisterung für das Kantonalturnfest im ganzen Tösstal entfacht hat?

Den Impuls gaben die Vorbereitungen zum 125-Jahr-Jubiläum des Turnvereins Rikon. Martin Lüdin, Gemeindepräsident von Zell, und Hans-Peter Meier, sein Amtskollege aus Wila, pilgerten 2011 gemeinsam ans damalige Kantonalturnfest, das nur alle sechs Jahre stattfindet, nach Wädenswil. Sie wollten einen Augenschein nehmen und sich mit den Organisatoren austauschen. Danach war für die beiden klar: Das nächste Turnfest wird in Rikon stattfinden.

Hans-Peter Meier engagierte sich als Präsident des Organisationskomitees des Kantonalturnfestes und Martin Lüdin als Botschafter. Sie spannten das Beziehungsnetz, das zu einer breiten Trägerschaft für das Kantonalturnfest in Rikon führen sollte. An der Organisation des sportlichen Grossanlasses waren schliesslich nebst Rikon die Turnvereine Bauma, Schlatt, Turbenthal, Weisslingen, Wila, Schalchen-Wildberg und Seen beteiligt. Sechs Jahre lang wurde an diesem Beziehungsnetz gewoben, damit im Frühsommer 2017 innert weniger Wochen ein riesiger Festplatz errichtet, Unterkünfte bereitgestellt sowie Helfer, Material, Getränke, Esswaren und Transporte organisiert werden konnten.

Diesen Geist der Zusammenarbeit, der Grosszügigkeit und der Weitsicht vermisst man manchmal in der Tösstaler Tagespolitik. Grosse Ideen sind, wenn sie aufkommen, oft auf die eigene Gemeinde beschränkt. Das folgende Beispiel ist nicht als Kritik, sondern als Denkanstoss zu verstehen. Im «Schlossguet» in Turbenthal ist eine Bibliothek und ein Museum für das ganze Tösstal geplant. Das Projekt könnte dazu beitragen, Kultur und Geschichte des Tösstals zu pflegen und gerade angesichts der vielen Neuzuzüger wach zu halten. Das grösste Hindernis auf dem Weg zu einem Tösstaler Kultur- und Informationszentrum sind die Investitionskosten von rund 6,5 Millionen Franken und die geschätzten Betriebskosten und Abschreibungen von jährlich an die 600’000 Franken.

Sogar wenn der kantonale Lotteriefonds drei Millionen Franken für dieses Projekt locker machen würde, wären die politische Gemeinde Turbenthal sowie die Primar- und Sekundarschulgemeinden kaum in der Lage, das Projekt allein aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Den treibenden Kräften hinter dem Vorhaben ist dies bewusst und sie suchen auch gezielt nach Verbündeten. Doch auch damit bliebe die Last der Finanzierung bei der Gemeinde Turbenthal.

Anders wäre es, wenn für das Projekt «Schlossguet» eine breitere, in der Region verankerte, Trägerschaft bestünde. Die Gemeinde Turbenthal müsste zwar die «Kontrolle» über das «Schlossguet» mit den anderen Trägern teilen, dafür rückte die Realisierung wieder in Griffnähe. Es wäre sehr schade, wenn das Tösstaler Kultur- und Informationszentrum «Schlossguet» mit seinem Platz für Bibliothek, Ortsmuseum und Veranstaltungsräumen für Vereins- und Kulturanlässe ein Papiertiger bliebe, denn die Nachfrage nach Raum für kulturelle Anlässe steigt mit der Bevölkerungszunahme im ganzen Tösstal kontinuierlich.

Der Einsatz aller Gemeinden für das Gelingen des Kantonalturnfestes hat gezeigt, dass gemeinsam plötzlich Projekte möglich werden, die vorher ausser Reichweite schienen. Möge deshalb derselbe Geist, mit dem das Kantonalturnfest im Tösstal verwirklicht wurde, im kommenden Jahr weiterleben!