Das Recht auf Selbstbestimmung

Referent Hubert Kausch hat Theologie und Philosophie studiert Fotos: Peter Krüsi

Die Frauenvereine Kollbrunn, Rikon und Langenhard informierten letzten Donnerstagabend im Chiletreff Kollbrunn in einem Vortrag von Hubert Kausch über Sinn und Zweck einer Patientenverfügung.

Das Thema «Patientenverfügung» stiess bei der Bevölkerung auf grosses Interesse. Schon lange vor Beginn der Veranstaltung besetzten die Zuhörerinnen und Zuhörer die vorbereiteten Sitzplätze. Zum Glück kann der hintere Teil des Chiletreffraumes geöffnet werden und so fanden alle der rund 80 Personen bequem einen Platz.

Esther Weidner vom Frauenverein Kollbrunn freute sich, dass das Thema so grosses Echo gefunden hatte und begrüsste das Publikum und den Referenten Hubert Kausch herzlich. «Ich habe einen theologischen und philosophischen Hintergrund», stellte sich dieser vor. Seit vielen Jahren arbeitet er schon beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) des Kantons Zürich und ist ein äusserst kompetenter Vertreter für alle Fragen rund um die Patientenverfügung.

Die Entwicklung in der Medizin hat sich in letzter Zeit überstürzt. Aus diesem Grunde ist es notwendig geworden, Entscheidungen im Blick auf sein eigenes Leben zu treffen. Um diese im Voraus schriftlich festzuhalten entstanden in den Jahren 1960 und 1970 die ersten Patientenverfügungen.

Selbstbestimmung als gesellschaftliche Grundlage

«Nichts geschieht, was ich nicht selber entschieden habe, dass es so geschehen soll», ist ein Grundsatz, der den Entscheidungsprozess leitet. Wir leben in einer Gesellschaft der vielen Möglichkeiten. Diese verlangt eine Auswahl und Entscheidungen. Das führt fast zwangsläufig zu einem Dilemma. Die Freiheit, selbst zu entscheiden ist einerseits ein Privileg und andererseits ein Zwang. Eine Patientenverfügung ist eine Vorausverfügung einer urteilsfähigen Person in der sie für eine Situation in der Zukunft, in der sie nicht mehr urteilsfähig sein könnte, festlegt, welche medizinischen Behandlungen sie für sich selbst ablehnt und welchen sie zustimmt. Die Patientenverfügung sichert die Beachtung des Patientenwillens im Zustand von Urteilsunfähigkeit.

Wann ist eine Patientenverfügung von Vorteil? Es gibt verschiedene Situationen, wo eine Verfügung von Nutzen sein kann, etwa dann, wenn eine Diagnose vorliegt und der Krankheitsverlauf voraussehbar ist, oder vor einem Spitaleintritt, bei dem Komplikationen erwartet werden. Das Gleiche ist der Fall, wenn eine Person ins Pflegeheim verlegt werden muss. Auch Übergangszeiten können ein Anlass sein, also wenn sich das Umfeld ändert, weil die Kinder ausgezogen sind oder der Partner gestorben ist. Ebenfalls eine Gelegenheit dazu wäre der Eintritt ins Pensionsalter.

Der rechtliche Rahmen

Wichtig ist, dass die Patientin oder der Patient bei voller Urteilsfähigkeit selber über die Durchführung medizinischer Behandlungen auf der Grundlage des «informierten Einverständnisses» (informed consent) entscheiden kann. Dieser Ausdruck ist inzwischen zu einem anerkannten Fachausdruck geworden. Er bedeutet, dass der Mensch das Recht auf umfassende Information zu Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten und Aussichten auf Heilung und Besserung hat. Dieses Recht hat jede Patientin und jeder Patient. Der Arzt oder die Ärztin sind zu dieser Information verpflichtet. Allerdings gibt es Ausnahmen. Wenn Forderungen festgehalten werden, die gegen das Gesetz laufen, zum Beispiel Tötung auf Verlangen, kann sich der Arzt dagegen widersetzen. So auch, wenn Zweifel bestehen, ob die Bestimmungen für den Patienten noch aktuell sind. Auch wenn beim Arzt der Verdacht aufkommt, der Inhalt der Patientenverfügung sei von jemand anderen aufgezwungen worden, muss den Anweisungen nicht gefolgt werden.

Die rechtliche Grundlage ist im ZGB (Zivilgesetzbuch) verankert. Dort ist definiert, was unter «Urteilsfähigkeit» verstanden werden muss. Es ist die Fähigkeit, vernunftmässig zu handeln, also logisch nachvollziehbar. Wenn jemand in die Patientenverfügung schreibt, dass ihm in jedem Fall niemals eine Bluttransfusion verabreicht werden darf, so ist das zwar nicht vernünftig, aber aufgrund seines Glaubens doch logisch und nachvollziehbar.

Das neue Erwachsenenschutzrecht

Seit dem Jahre 2013 besteht das Erwachsenenschutzrecht, wo bestimmt wird, dass eine urteilsfähige Person in einer Patientenverfügung festlegen kann, welchen medizinischen Massnahmen sie im Fall ihrer Urteilsunfähigkeit zustimmt oder aber nicht zustimmt. Liegt keine Patientenverfügung vor, so kann eine Bezugsperson genannt werden. Falls auch keine vertretungsberechtigte Person zu einer Entscheidung beitragen kann, entscheidet der Arzt oder die Ärztin in dringenden Fällen nach dem mutmasslichen Patientenwillen und den Interessen des Patienten.

Der Referent erzählte ein Beispiel aus der Zeit des Übergangs zum Erwachsenenschutzrecht. Eine 85-jährige Frau, die bis zum Zeitpunkt ihres Spitaleintritts mit ihrem Mann zusammen ein eigenständiges Leben führte, erlitt plötzlich einen Schlaganfall und musste notfallmässig behandelt werden. Der Mann brachte eine Patientenverfügung mit, die aber schon zwölf Jahre alt war. In einer allgemeinen Formulierung stand darin: «Sollte mein Leben einmal unaufhaltsam auf ein Ende zugehen so möchte ich, dass man auf lebensverlängernde oder lebenserhaltene Massnahmen verzichtet.» Sie hatte von Hand dazu noch eine Ergänzung angebracht: «Ich möchte kein Pflegefall werden.» Es war wichtig, hier trotzdem einen Behandlungsplan zu besprechen. Entscheidend war, welche Prognose die Patientin bekam. Dabei wurde klar, dass die Frau nicht mehr mit ihrem Mann zu Hause leben konnte, sondern in ein Pflegeheim übersiedeln musste. In Gesprächen mit der Verwandtschaft und dem näheren Umfeld stellte sich heraus, dass sie früher eine junge Verwandte hatte, die ihr ganzes Leben in einem Pflegeheim verbringen musste. Deshalb wurde angenommen, dass aus diesem Grunde die jetzt entscheidungsunfähige Patientin sich vor Jahren so in ihrer Patientenverfügung geäussert hatte. Auch im Intensivspital, wo schnell entschieden werden muss, werden die sozialen Lebensformen des Patienten besprochen.

Es kommt vielfach vor, dass in gewissen Fällen keine Patientenverfügungen da sind, wenn man sie bräuchte. Deshalb ist es wichtig im Gespräch mit dem Umfeld zu bleiben und Vertrauenspersonen beizuziehen. Beim SRK besteht die Möglichkeit, seine Patientenverfügung an zentralen Orten zu hinterlegen. So können die behandelnden Personen schnell darauf zurückgreifen. Beim Roten Kreuz sind ungefähr 6000 Dokumente hinterlegt, aber es hat bis jetzt nur etwa ein bis zwei Anfragen im Jahr gegeben. Dies könnte sich angesichts der Erkenntnis der Wichtigkeit in Zukunft ändern. Es gibt viele Organisationen, die ein Formular zum Ausfüllen einer Patientenverfügung anbieten. Beim Schweizerischen Roten Kreuz kann eine solche auf der Homepage heruntergeladen werden (www.srk-zuerich.ch). Auch die Spitexvereine geben gerne Auskunft.