Das liebe Geld und unser Charakter

Heute von Werner Knecht
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Werner
Knecht

Was die Volksweisheit schon lange wusste, weiss neuerdings sogar die Wissenschaft: dass nämlich Geld den Charakter verdirbt oder zumindest entlarvt. So führte kürzlich der Ökonom Jörg Kraigher-Krainer von der Fachhochschule Oberösterreich zwei Studien durch und zog resigniert den Schluss: «Menschen, die an Geld denken oder auf geldbezogene Gedanken gebracht werden, nehmen seltsame – genauer gesagt nutzenmaximierende – Charakterzüge an.» Laut Kraigher-Krainer und seinem Wissenschaftsteam braucht es bei vielen Menschen auch nur hintergründig platzierte Geldsymbole, um die Bereitschaft zu verringern, zu helfen, zu spenden, um Hilfe zu bitten oder zusammenzuarbeiten.

So mussten alle 60 Teilnehmenden der ersten Studie einen Text über Krebsforschung lesen. Dabei wurde die Gruppe A sogenannt «gesundheitsgebahnt», also auf die Bedeutung der Gesundheit aufmerksam gemacht und dementsprechend sensibilisiert, während die Gruppe B «geldgebahnt» vor allem auf wirtschaftliche Aspekte achtete. Der Gruppe A wurde mitgeteilt, dass man durch gesunde Lebensweise einer Krebserkrankung vorbeugen könne. Gruppe B wiederum wurde gesagt, die Krebsforschung befände sich in finanziellen Schwierigkeiten und wäre ohne rasches Auftreiben entsprechender Fördermittel gefährdet. Ein symbol- trächtiges Bild verstärkte die Suggestivkraft der Fragen. Anschliessend wurden beide Gruppen mit verschiedenen wertebezogenen Aussagen konfrontiert. Diesen konnten sie mehr oder weniger zustimmen. Dabei zeigte sich, dass die geldgebahnten Probanden weniger gerne Geld an Freunde verliehen, weniger gerne teilten, lieber alleine waren und Dinge bevorzugten, mit denen sie andere Menschen beeindrucken konnten.

Um die Auswirkungen einer unterschiedlichen Steuerung und Beeinflussung noch stärker hervortreten zu lassen, wurde in der zweiten Studie die sogenannt kognitive Bahnung der beiden Gruppen einander stärker angenähert. Dieser Begriff umschreibt die Informationsumgestaltung und -kanalisierung, also die mentalen Prozesse während der Wissensverarbeitung. Wieder wurden Studierende aus verschiedenen Ländern herangezogen und zufällig aufgeteilt. Bei diesem Forschungsobjekt erhielten die Studierenden beider Gruppen einen Text über das Austauschprogramm Erasmus, das 1987 zur Studierendenmobilität und verstärkten Zusammenarbeit zwischen europäischen Hochschulen geschaffen worden war. Der erste Abschnitt vermittelte allgemeine Informationen zum Programm und war identisch. Der zweite Abschnitt war bezüglich Wortwahl so ähnlich wie möglich und erwähnte die Nachteile des Erasmus-Programms. Die Zeitbahnungs-Gruppe wurde insbesondere über die lange Zeitdauer orientiert, die bei Erasmus-Studierenden zu einem langen Wegsein von zu Hause führt. Die Geldbahnungs-Gruppe ihrerseits erfuhr, Erasmus sei zu teuer, und darüber hinaus benötigten Studierende zudem noch monatlich 350 Euro zusätzlich.

Auch bei diesem Test wurden Bilder zwecks Akzentuierung der Stellungnahmen eingesetzt. Danach wurden erneut beiden Gruppen Aussagen vorgelegt, um ihre Werthaltungen zu ergründen und Differenzen zwischen den beiden «Lagern» aufzuzeigen. Und siehe da: Auch bei diesem Test zeigte sich die geldgebahnte Gruppe insgesamt deutlich materialistischer als die zeitgebahnte. Insbesondere vertrat erstere die Meinung, Eigentum sei ein Zeichen für Erfolg. Folgerichtig verhielt sie sich weit weniger grosszügig, beispielsweise als es darum ging, etwas auszuleihen oder gar zu spenden.

Trotz aller Fortschritte bezüglich Trägerfunktion des Gehirns für kognitive Leistungen bleibt ein immenses, unbeackertes Feld an weiteren Fragestellungen. Einig ist man sich indessen, dass die in der Kopf-Arbeit, den Gehirnfunktionen und kognitiven Leistungen schlummernden Geheimnisse nur entschlüsselt werden können, wenn man experimentalpsychologische und neurobiologische Untersuchungen zusammenführt, integriert und auswertet. Auch die populäre Frage, wie weit Geld tatsächlich den Charakter entlarvt oder gar schädigt, dürfte unerschöpfliches Forschungsobjekt aus einem breiten Spektrum fachübergreifender Fragestellungen bleiben – und weitere Forschergenerationen auf Trab halten. Allerdings machen wir schon jetzt jede Wette, dass sich dabei die Volksweisheit des charakterentlarvenden respektive -verderbenden Geldes erneut bestätigen wird.