Causa Vincenz: Raiffeisenbank am Bichelsee verlangt grosse Veränderungen

Ruedi Bleichenbacher, Leiter der Raiffeisenbank am Bichelsee. (Foto: PD)

Der tiefe Fall des früheren Raiffeisen-Vorsitzenden Pierin Vincenz sorgt für einen Reputationsschaden, der natürlich auch in den regionalen Raiffeisenbanken stark zu spüren ist. Der Leiter der Banken am Bichelsee, Ruedi Bleichenbacher, nimmt im Gespräch mit dem «Tößthaler» kein Blatt vor den Mund, was Fehlentwicklungen angeht, und schliesst im Extremfall auch einschneidende Massnahmen nicht aus.

Die Raiffeisenbank am Bichelsee (mit den Standorten Turbenthal, Bichelsee und Eschlikon) nahm in der Geschichte der Schweizer Raiffeisengruppe immer eine Sonderstellung ein: Bichelsee war 1899 Gründungsbank und wenig später auch Gründerin des Schweizerischen Genossenschaftsverbandes. Von hier aus nahm die Bewegung durch die Schweiz Fahrt auf. Erst viele Jahre später wurde der Sitz des Genossenschaftsverbandes (Raiffeisen Schweiz) von Bichelsee nach St. Gallen verlegt. Bis vor kurzem dachte man trotz der langen Erfolgsgeschichte beim Begriff «Raiffeisen» an eine kleine Landbank – dabei ist der Verbund längst drittgrösstes Bankinstitut der Schweiz, und «Too Big to Fail». Nun hat Raiffeisen ein Imageproblem. Ruedi Bleichenbacher, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank am Bichelsee, fordert ein rasches Umdenken.

In der Wahrnehmung keine Grossbank

Aus der Bankenkrise von 2008/09 ging die Raiffeisen als Profiteur hervor, als UBS-Kunden wechselten. Das waren die grossen Jahre von Pierin Vincenz, dem nun gefallenen Star der Bankenszene. Nach langen Jahren des überdurchschnittlichen Wachstums wurde Raiffeisen als systemrelevant eingestuft und hatte als Folge davon auch höheren Anforderungen der Finanzmarktaufsicht – zum Beispiel im Bereich der Eigenmittel – zu genügen. Fast jeder 4. Hypothekarkredit in der Schweiz stammt von einer Raiffeisenbank. Und beinahe jede 2. Person in der Schweiz ist Raiffeisen-Kunde. Die Kundenanlagen aller Genosschaftsbanken belaufen sich auf 164 Milliarden – rund 750 Millionen entfallen auf die Raiffeisenbank am Bichelsee. Trotz Wachstumsstrategie wird die Risikosituation der Raiffeisengruppe als gut bis sehr gut eingestuft. Die Raiffeisenbank am Bichelsee musste in den letzten Jahren keine nennenswerten Wertberichtigungen und Rückstellungen auf Kreditpositionen verbuchen. Die Eigenmittelsituation ist komfortabel.

In den vergangenen Monaten hat sich diese Wahrnehmung in der Bevölkerung geändert: «Wir werden manchmal in dieselbe Ecke wie die Grossbanken gestellt, deren Namen oft Synonym für Gewinnsucht sind. Wir als Genossenschaft wollen nicht als Grossbank dargestellt werden», wehrt sich Bleichenbacher. «Wir verfolgen andere ethische Grundsätze. Uns geht es um nachhaltige Entwicklung hier am Ort, um faire Preise, um die wirklichen genossenschaftlichen Werte auch in heutiger Zeit.»

Die Tochter wurde mächtig

Die grösste Unterschiede zu den Schweizer Grossbanken: Raiffeisen ist nach wie vor nicht global tätig und auch nicht zentral gesteuert. Auch wenn während der Wirkungszeit von Pierin Vincenz genau dieser Eindruck entstand. Denn Vincenz vermittelte nach aussen gern den Eindruck des Bankenchefs, genoss das damit zusammenhängende Ansehen. In den Medien liess er sich gern zitieren, er habe rund 300 Chefs (denn so viele eigenständige Genossenschaftsbanken zählten damals zum Gefüge). «Taktisches Geplänkel», nennt Bleichenbacher das. Tatsächlich habe Vincenz hinter den Kulissen die Macht an sich gerissen und diese auch ausgeübt. Vorzuschreiben hatte er Bankleitern wie Bleichenbacher jedoch nichts – Vincenz war de facto Vorsitzender der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz, also CEO des Genossenschaftsverbandes. Er war also der Chef des Tochterunternehmens der 255 Raiffeisen-Genossenschaften – während die regionalen Banken die Muttergesellschaften bildeten.

Vincenz gelang es, dieses Verhältnis zu drehen. Dass er es zur Machtvollkommenheit bringen konnte, wurde durch die Finma begünstigt. Bleichenbacher erinnert daran, dass die Finanzmarktaufsicht die Vereinheitlichung gefordert habe, um mit Raiffeisen Schweiz eine zentrale Anlaufstelle zu haben und so auf die Schweizer Raiffeisengruppe Einfluss nehmen zu können anstatt 255 selbständige Raiffeisenbanken kontrollieren zu müssen. Auch wenn die Finma die Verfehlungen nicht voraussehen konnte, so trage sie dennoch eine Mitverantwortung, findet Bleichenbacher. Wenn er sich jeweils gegen neue Vorschriften wehrte, dann habe er aus St. Gallen nur gehört: «Die Finma verlangt das!»

Kritiker nicht zur Kenntnis genommen

Wenn auch von aussen kaum wahrnehmbar, so wurden doch innerhalb der Raiffeisengruppe Machtkämpfe ausgetragen. Das Bewusstsein, dass die Marschrichtung nicht stimmt, habe sich schon früh eingestellt, erinnert sich Bleichenbacher. Er selbst hat vor Jahren ein Schriftstück aufgesetzt, mit dem er die Corporate Governance der Gruppe anprangerte. Es wurde unter den Teppich gekehrt. Dabei sind die einzelnen Banken im Verbund autonom, mit eigenem VR und eigener operativer Leitung. Zwar obliegt der Zentrale in St. Gallen die Koordination, doch ins Spannungsfeld geriet immer stärker das Dienstleistungszentrum, das «immer mehr zur Grossbankenzentrale wurde», wie Bleichenbacher moniert. Er war selbst 13 Jahre dort tätig, hat die Entwicklung des ursprünglichen Supporters während Vincenz‘ Ägide mitverfolgt. Man könnte auch sagen: der administrative «Wasserkopf» der Raiffeisen, der von den Banken im Verbund getragen wird, war angeschwollen.

Raiffeisen steht finanziell noch gesund

Nun ist der Schaden angerichtet. Die Causa Vinzenz dürfte an der Raiffeisen haften bleiben ähnlich wie die Vorwürfe an die Adresse der Postauto AG. Ruedi Bleichenbacher wird oft von Mitgliedern und Kunden darauf angesprochen, an regionalen Anlässen aber auch im privaten Umfeld. Kritische Aussagen bekommt er zu hören, schadenfreudige auch: «Jetzt hat es euch auch erwischt!» Aber anders etwa als seinerzeit bei der UBS, wo finanzieller Schaden entstand, steht die Raiffeisen nach wie vor gesund da. Die Eigenmittel sind unverändert intakt. In der Raiffeisenbank am Bichelsee ist eine kleinere Wachstumsdelle zu beobachten, Fehlentwicklungen von früher sind zu korrigieren. Kundenguthaben wurden nur marginal abgezogen, das Wachstum wurde leicht gebremst.

Die Halbjahreszahlen werden im Juli vorgestellt. «Wir müssen unseren Job gut machen», motiviert er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an denen der Skandal nicht spurlos vorübergeht, «Dienst am Kunden, gute Beratung, guter Service. Strengen wir uns noch mehr an als bisher.» Anders als Hausi Leutenegger, einer der Hauptkunden, der seinem Freund Pierin in den Medien den Rücken stärkte, mag Ruedi Bleichenbacher zur Person des Beschuldigten keine Auskunft geben, denn die beiden kannten sich über die Jahre im persönlichen Rahmen. Was dem früheren Raiffeisen-Übervater zur Last gelegt wird, steht bald in der Strafanklage zu lesen. Die Vorwürfe der ungetreuen Geschäftsbesorgung wiegen schwer. Altlasten seien aufzuräumen, der Finma-Bericht über das Enforcementverfahren seien sauber aufzuarbeiten, rät Bleichenbacher. Für sein Empfinden hat sich Raiffeisen Schweiz trotz der Erschütterung noch zu wenig bewegt. «Manche Betroffene scheinen zu glauben, die Krise aussitzen zu können.» Aus Reputationsgründen für die Bank könne man sich nun nicht einfach schadlos halten.

Neuanfang angepeilt

Künftig sei den Banken mehr Kontrolle gegenüber St. Gallen einzuräumen, insbesondere im finanziellen Bereich. Diese oblag bisher dem Verwaltungsrat der St. Galler, der diese Pflicht offenbar ungenügend wahrgenommen hat. Die künftigen Mitbestimmungsrechte und Aufgabenteilung gehören aufs Tapet. Bleichenbacher will zurück zum früheren Erfolgsmodell: Die regionalen Banken bestimmen wo es lang geht, St. Gallen hat sie dabei zu unterstützen – nicht umgekehrt.

Und wenn die Marschrichtung in einiger Zeit nicht eingeschlagen wird? Dann wäre für den Bankenleiter am Bichelsee der Moment gekommen, in der Gruppe auszusprechen, worüber einige Personen in seiner Position schon laut nachgedacht haben: Austritt aus dem Raiffeisen Genossenschaftsverband. Im Moment ist Ruedi Bleichenbacher jedoch zuversichtlich, dass die dringend nötigen Veränderungen in der Raiffeisengruppe umgesetzt werden. «Wir wollen und müssen loyal sein. Aber St. Gallen muss sich jetzt bewegen, rascher als bisher.»