Burkhards Zeller Werk zum Leuchten gebracht

Ursula Schellenberg führt trotz der Diagnose auch heute noch ein reiches Leben (Foto: ww)

Ab 1970 arbeitete Ursula Schellenberg für den «O-mein-Papa»-Komponisten Paul Burkhard. Nach seinem Tode betreute sie dessen Nachlass und half mit, dass Burkhards Zeller Werke bis heute eine Erfolgsgeschichte blieben.

«Es ist beeindruckend, wie das Spiel weiterlebt», sagt Ursula Schellenberg. Auch 40 Jahre nach dem Tod von Paul Burkhard füllt die Zäller Wiehnacht Kirchen und Gemeindesäle. In diesem Dezember wurde das Werk an 20 verschiedenen Orten aufgeführt. So auch in Winterthur, viermal in der voll besetzten Zwinglikirche.

«Dass Burkhards Werke nach wie vor begeistern, ist der schönste Lohn für meine langjährige Arbeit», sagt Schellenberg. Aus gesundheitlichen Gründen hat sie sich zurückgezogen und Burkhards Nachlass wird von seinem früheren Verlag betreut. «Dass das Spiel vom neu belebten Zeller Kinderchor 2018 wieder in Zell aufgeführt werden soll, freut mich riesig».

Zu Burkhard statt zur Kuhn AG

Schellenberg kam 1970 ins Tösstal. Die damals 23-jährige Schaffhauserin wollte sich für eine Stelle als Chefsekretärin bei der Kuhn Rikon AG bewerben, um so in der Nähe ihres Partners zu leben. Statt zur Pfannenfabrik führten sie die dörflichen Verbindungen in Zell aber zu Burkhard, dem populären Komponisten, der hier lebte. Sein Schlager «Oh mein Papa» war bereits rund um die Welt gegangen und die einst für die Zeller Kinder geschaffene Zäller Wiehnacht feierte schon weit über die Talschaft hinaus grosse Erfolge. So erledigte Schellenberg die Korrespondenz für den Komponisten, schrieb Textbücher ins Reine und übernahm für ihn auch Klavierbegleitungen.

Clubkollegin von Meta Antenen

Aufgewachsen war Schellenberg als Tochter eines Zollbeamten in Trasadingen und Stein am Rhein. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie als Chefsekretärin in einem Schaffhauser Unternehmen. Von Kind auf liebte sie den Sport. Im Leichtathletikclub Schaffhausen trainierte sie zusammen mit Meta Antenen. Mit ihr zusammen war Schellenberg zwei Jahre im nationalen Kader. Der Weitsprung war ihr Lieblingssport.

«Gerne wäre ich Leichtathletik-Trainerin geworden»

Auf dem Höhepunkt von Meta Antenens Karriere – als die mehrfache Schweizermeisterin 1966 «Sportlerin des Jahres» wurde – unterstützte Schellenberg ihre Kollegin, indem sie deren Fanpost betreute. Bis heute sind sie als Freundinnen eng verbunden.

«Gerne wäre ich Leichtathletik-Trainerin geworden», sagt Schellenberg. Aber dann kam die Verbindung mit dem Tösstal, der Wegzug aus Schaffhausen, der Einstieg bei Paul Burkhard sowie die Heirat mit Georg Schellenberg. Sportlich blieb sie auch im Tösstal noch lange Zeit aktiv. Sogar Paul Burkhard, der ein absoluter Sportmuffel gewesen sei, habe sich ein klein wenig dafür interessiert, indem er sie nach Wettkämpfen jeweils fragte, wie weit sie nun wieder gumpet sei. Als dann die Kinder Irène und Rolf kamen, habe sie mit dem Sport aufgehört. Nach wie vor ist aber Leichtathletik ihre Lieblingsdisziplin – heute allerdings nur noch vor dem Fernseher.

Den Komponisten eng begleitet

Paul Burkhard schuf in seiner Zeller Zeit viele grossartige Werke. Nach der Zäller Wiehnacht folgten der «Zäller Josef», «D Zäller Glychnis», «D Zäller Ooschtere», «Freu dich mit uns, Jona», die zwei Kindermessen, die Jugendmesse, verschiedene Gottesdienstmusiken, die Weihnachtsoper «Ein Stern geht auf aus Jaakob», die «Fünf Gesänge für die Byzantinische Liturgie» sowie das Instrumentalwerk «Sieben Stufen des Lebens».

Die umfangreiche Administration für die Verbreitung dieser Werke lag in den Händen von Schellenberg, die auch den eigens gegründeten neuen Verlag betreute. «Es waren interessante Jahre», sagt sie und es sei eine strenge Zeit gewesen. Im Nachhinein gesehen, hätte sie ihre eigenen Bedürfnisse wohl dann und wann besser einbringen müssen, stellt sie heute fest. Sie wolle aber nicht hadern, denn der Lohn sei später gekommen.

1977 verstarb Burkhard, und er vermachte sein Wohnhaus den Schellenbergs. «Die grösste Belohnung aber war für mich, dass ich seinen Nachlass verwalten und den anhaltenden Erfolg seiner Werke begleiten durfte». Als kürzlich jemand sagte, sie habe das Zeller Werk von Burkhard so richtig zum Leuchten gebracht, freute sie sich natürlich.

Die Zeller Spiele am Leben erhalten

Als Nachlassverwalterin wollte Schellenberg aber nicht nur verwalten, sondern gestalten. Dies mit dem Ziel, Burkhards Werke weiter am Leben zu erhalten. An unzähligen Anlässen hielt sie Vorträge über den Komponisten. Für viele sind ihre Auftritte unvergessen. Etwa dann, wenn sie in die Hauptrollen der berühmten Werke schlüpfte. Sie sang und spielte die Hits «Oh mein Papa» oder «de Heiri hät es Chalb verchauft» und begeisterte mit dem «Lied der Köchin». Und an Führungen im Musikzimmer des Burkhard-Hauses, wo die Schellenbergs ab 1978 wohnten, erzählte sie viel Spannendes und Amüsantes aus dem Leben des Künstlers.

«Die grösste Belohnung war für mich, dass ich seinen Nachlass verwalten durfte»

Um die Zeller Spiele am Leben zu erhalten, gründete sie 1978 den Zeller Kinderchor. Dies war möglich dank einer grosszügigen Spende von Trudi Sprüngli, der Zürcher Confiseur-Gattin, die mit Burkhard befreundet gewesen war. Mit diesem Chor feierte Schellenberg rund 30 Jahre viele grosse Erfolge. Einst hatten sie sogar einen Auftritt auf der kleinen Bühne des Zürcher Opernhauses.

Dass es nun mit dem Zeller Kinderchor unter der neuen Leitung von Sarah Deissler weitergehen wird, freut Schellenberg sehr. «Wenn dann 2018 die Zäller Wiehnacht wieder in der Kirche Zell aufgeführt wird, werde ich sicher dabei sein», schmunzelt sie.

Rückzug in den «Spiegel»

Ursula Schellenberg hat im neu gestalteten Pflegezentrum Spiegel in Rikon vor einigen Wochen ein schönes Zimmer bezogen. Zurzeit gehe es ihr gut. Fast täglich komme Besuch, regelmässig spiele sie Klavier und sie lese sehr viel. Das alles helfe ihr, trotz der Diagnose Knochenkrebs ein reiches Leben zu führen. Und sie erinnert sich daran, wie sie damals für Burkhard, als dieser auf dem Sterbebett lag, unzählige Abschiedsbriefe habe schreiben müssen. «Für mich war das vorbildlich, wie er diese Situation meisterte.»

Kraft schöpft Schellenberg aus vielen Begegnungen mit Menschen. So zum Beispiel kürzlich, als sie in der S-Bahn von einer Frau angesprochen wurde, die einst im Zeller Kinderchor mitsang. Als Kind, so sagte diese Frau, wunderte sie sich immer, weshalb vielen Frauen die Tränen gekommen seien, wenn das Lied «Kei Mueter weiss, was ihrem Chind wird gscheh» erklungen sei. Heute sei sie selbst Mutter – ja und nun weine auch sie, wenn sie diese Strophe höre.