Bleibt die Kirche bei einer Fusion der Kirchgemeinden im Dorf?

Die Kantonalkirche drängt die Kirchgemeinden zur Fusion. Im Tösstal werden erste Zusammenschlüsse Realität. Doch noch herrscht in mehr als einer Kirche Skepsis.

Die evangelisch-reformierten Kirchen im Kanton zählen gut 450’000 Mitglieder. Doch ihre Strukturen stammen aus den Zeiten, als sie 600’000 stark ­waren. Obwohl die Bevölkerung zunimmt, sinken die Mitgliederzahlen. Unter dem Projektnamen «KirchGemeindePlus» sollen die Kirchen sich auf Wunsch des reformierten Kirchenrats zusammentun. Bis 2020 sind die 177 Pfarrkreise auf 60 zu reduzieren. Die Ziele der Sparübungen lösten landauf, landab Unsicherheit aus: welche Pfarrstellen werden für diese übergemeindliche Zusammenarbeit abgebaut? Welche kleinen Kirchgemeinden werden von grösseren «übernommen»? Der Fusionsprozess stockt.

Turbenthal und Wila, die ab 1. Januar die Kirchgemeinde Turbenthal-Wila bilden, könnten zögerlichen Gemeinden als Vorbild dienen. «Möge die Umsetzung so gelingen, dass auch diejenigen, die dem Zusammenschluss kritisch gegenüberstehen, in der neuen Gemeinde ihren Platz finden», wünschte sich seinerzeit Marianne Heusi, Kirchenpflegepräsidentin. Schon jetzt scheinen viele Zweifel ausgeräumt. Unsere Anfrage erreicht Heusi just vor der Sitzung zur Kirchenmusik: gemeinsam wird besprochen, welche neuen Ideen umgesetzt werden können. «Das ist der Plausch!» freut sich Heusi. Ihr Pendant in Turbenthal, Erna Brüngger, stösst ins selbe Horn. Zwar seien die Vorarbeiten intensiv. «Es gibt viel zu tun», sagt die Präsidentin der Kirchenpflege, «mehr als gedacht.» Natürlich, die vielen administrativen Details wollen geklärt werden, räumt auch Heusi ein. Schon heute zeichnet sich gemäss Auskunft der beiden Fusionspartnerinnen ab, dass die eigene Identität weiter getragen werden könne. Engagierte Leute brauche es auch weiterhin, so Heusi weiter, vor allem jetzt müsse sich zeigen, ob die Bevölkerung bereit sei, im eigenen Dorf Angebote entstehen zu lassen. Kommt hinzu, dass die Gemeinde übersichtlich bleibt: selbst nach der Zusammenlegung wird die neue Kirchgemeinde kaum mehr als 2800 Reformierte zählen. Wila habe schon vorher mit Turbenthal gut zusammengearbeitet, und dieses Teamwork werde nun mit bedeutend weniger ­Koordinationsaufwand möglich. Brüngger spürt diese Vorteile ebenfalls schon ein halbes Jahr vor dem effektiven Zusammenschluss. Begleitet werden beide Gemeinden beratend von Paul Baumann, einer Fachperson für den Fusionsprozess.

Geld darf nicht die wichtigste Rolle spielen

Andernorts werden erst vorsichtig die Fühler ausgestreckt. Dabei ist die geografische Nähe nur bedingt wichtig – wesentlicher scheint die Nähe zu bestimmten Personen. Welche Kirchgemeinden gelten als «attraktive Bräute» – und welche bleiben sitzen? Bauma nimmt für sich in Anspruch, zu ersteren zu gehören. Als die Kirchenpflege mit sämtlichen Kirchen im Tösstal bis nach Zell Gespräche führte, entpuppten sich mehrere Gemeinden als willige Kandidaten. Doch nicht alle sind so überzeugt vom Nutzen. Für Othmar Hasler, den neuen Präsidenten der Kirchenpflege Bauma, kommt die Frage schlicht zu früh. Die Politische Gemeinde hat eben mit Sternenberg fusioniert. Nun geniesse die Zusammenlegung der Kirchgemeinden nicht erste Priorität. Allerdings mache man sich Gedanken über die Finanzen. «Wir müssen erst mal selbst aufräumen und sortieren: was können wir uns in Gegenwart und Zukunft leisten, und welche Ausgaben kommen auf uns zu?» Hasler stellt die ­Fusionierung so vieler Kirchgemeinden grundsätzlich infrage: «Es darf nicht nur ums Geld gehen. Wir müssen uns überlegen, was wir verlieren können.»
Er vertritt auch die Meinung, der kantonale Kirchenrat sollte seine Entscheide nicht von der Mindestgrösse einer Gemeinde abhängig machen, sondern von der Zahl derer, die die Angebote tatsächlich nutzen. Der Kirchenrat geht von einer Richtgrösse von 5000 Mitgliedern aus: so viele sollte eine Kirchgemeinde mindestens zählen. Allerdings wird von «Zwangsfusionen» abgesehen: so bleibt etwa die Kirchgemeinde Sitzberg, auf dem Gebiet der Politischen Gemeinde Turbenthal, als Kleinstgemeinde mit weniger als 200 Mitgliedern, vorderhand noch eigenständig. Der Kirchenrat möchte die Vision einer polyzentrischen Kirche umsetzen, einer Kirchgemeinde mit verschiedenen Standorten.

Wirksames Mittel gegen den Mitgliederschwund?

Damit will er dem Mitgliederschwund beikommen, der zunehmend zum Finanzproblem wird. Ist also die Fusion die Lösung für den Kirchenaustritt? «Die Lösung vielleicht nicht», so Erna Brünggers Einschätzung, «aber die Antwort.» Wenn die Anzahl der Mitarbeiter, die den Gottesdienst organisieren, bald grösser ist als die Zahl der Besucher, dann müsse man umdenken. Und sich überlegen, wie diese Ressourcen besser zu nutzen sind. Allerdings bedeuten grössere Einheiten nicht unbedingt eingesparte Kosten. In der Regel ist eine zentrale Stelle weniger vom Milizsystem und Freiwilligenarbeit abhängig, sondern setzt vielmehr auf professionelle Arbeitskräfte. Werden Administrationen zusammengelegt, ergibt sich Sparpotenzial. In kleineren Gemeinden wird die Freiwilligenarbeit noch gross geschrieben. Das Milizsystem jedoch sieht Brüngger nicht gefährdet, denn: Wird die Arbeit bei einer Fusion professionalisiert, werden auch die Aufgaben attraktiver.

Bleibt die Kirche ungenutzt?

Ein Missverständnis, das Kirchenpflegepräsidentin Verena Wüthrich auf Schlatts Strassen oft hört: ob die sprichwörtliche Kirche dann nicht im Dorf bleibe. Müssen alle ins Nachbardorf pilgern? Wüthrich nimmt im Dorf allerdings auch «grosses Wohlwollen» wahr, dass die kleine Gemeinde nicht einfach abwartet, sondern proaktiv Lösungen sucht. Schlatt arbeitet derzeit für den Urnengang vom 25. November die Abstimmungsvorlage für das Zusammengehen mit Eulachtal, Elgg und Elsau per 2020 aus, drei Gemeinden, die «topografisch Sinn machen». Mehr Sinn als die Topografie macht freilich, dass man auf Ebene der Schulgemeinden schon seit Jahrzehnten die Zusammenarbeit pflegt, die Gemeinden also schon historisch zusammengewachsen seien. Wüthrich richtet ihren Appell an alle, die am Fortbestand der eigenen Identität zweifeln: «Es wird nicht eine Gemeinde von einer anderen übernommen, sondern gemeinsam ein grösseres Angebot gestaltet.» Durch den Schulterschluss des Pfarrpersonals sollten künftig weit mehr Bedürfnisse abgedeckt werden als bisher. Zwar hat der Kirchenrat die Frist für kleine Gemeinden nochmals bis 2024 erstreckt, «aber das ist für mich keine Perspektive». Wüthrich ist überzeugt: Früher oder später werde eine Gemeinde wie die ihre vor die Frage gestellt, wie ein attraktives Angebot mit wenig Leuten und weniger Steuergeldern aufrechtzuerhalten sei. Ängste um den Verlust der Identität kann Erna Brüngger zerstreuen: «Wir haben uns nicht erdrückt gefühlt, im Gegenteil: wir haben schon jetzt mehr Luft für Inhaltliches.» So überlegt man sich in Turbenthal, neue Gottesdienstformen einzuführen. Und Marianne Heusi rät: «Geht ohne Angst darauf zu!».