«Bisch e Gwundernase!»

Monique Blattmann

Dies war sehr oft die Antwort Erwachsener, wenn ich sie mit Fragen löcherte, die sie nicht beantworten wollten. Meine Mutter war raffinierter. Sie antwortete lächelnd: «Wenn dich jemand danach fragt, sag einfach, du weisst es nicht.»

Neugierde – was meint das Internet dazu? Ich suche unter «Synonyme» und begegne rund zwanzig Ausdrücken, darunter positiven, wie Interesse, Wissensdrang, Forschungstrieb, doch auch ebenso vielen negativen, wie Taktlosigkeit, Schnüffelei oder Sensationslust.

Betrachte ich das Wort näher, bedeutet es Gier auf Neues. Der Neugierige hat einen starken Drang, etwas zu erfahren. Ist dies nun positiv oder negativ zu werten? Ich denke, es kommt drauf an, wonach man «giert». Beschränkt sich die Neugierde darauf, dem Nachbarn ins Fenster zu blicken oder möglichst Brisantes über andere zu erfahren, befriedigt dies höchstens die Sensationslust.

«Bildung beginnt mit Neugierde» sagt man. Und ich möchte ergänzen: Dank unserer Neugierde lernen wir. Sie ist der Antrieb des Säuglings, des Kleinkindes, seine Umgebung und seine Bezugspersonen kennenzulernen. Ich erinnere mich gut an den Wissensdurst meines dreijährigen Sohnes. Pausenlos stellte er Fragen, und wenn ich ihm eine altersgerechte Antwort gegeben hatte, folgte stets sein «aber warum, Mama?», was mich manchmal echt nervte. Neugierde entspricht, davon bin ich überzeugt, einem natürlichen Trieb des Menschen. Sie ist eine wichtige Komponente in der Erziehung wie auch in der Bildung. Neue Dinge zu entdecken, Unbekanntes zu erkunden, motiviert enorm und prägt den Menschen. Werden dabei Schwierigkeiten überwunden, stärkt dies den Willen und fördert die Freude am Gelungenen. Für Heranwachsende ist aber eine gesunde und stabile Umgebung, sind Menschen, welche sie liebevoll führen, enorm wichtig. Dann weckt Neugierde das für jeden Lernprozess notwendige Interesse.

Es mag ein Zeichen unserer Zeit sein, dass immer mehr Menschen antriebs- und lustlos werden. Alles ist ihnen egal. Am liebsten würden sie den ganzen Tag herumliegen und nichts tun. Dies kann Personen aller Altersschichten treffen. Man spricht dann von Depression, von Burn-out. Es ist ein Loch, aus dem herauszukommen für den Betroffenen nicht leicht ist. Wie kann man sein Interesse, seine Neugierde wieder wecken? Denn interessiert sein macht lebendig, weckt die Lust, Neues zu entdecken. Neugier ist der Motor des Lernens: «Was steht da? Ich will auch lesen können! Was heisst das? Diese Sprache will ich auch lernen. Wie entsteht der Regen? Was geschieht im Herbst, im Frühling in der Natur? Und wie entsteht Leben?»

Fragen fördern das Wissen und führen zu Bildung und Forschung. Im Mittelalter war das Wissen der Menschen noch sehr beschränkt. Der Glaube und die Religion allein waren bestimmend. Gott stand hinter allem. Leid und Tod waren allgegenwärtig und wurden als göttliche Strafe gewertet. Um Gott gnädig zu stimmen, wurden Kirchen erbaut, ging man auf Pilgerreisen, gründete man Klöster. Nur Gebet und Busse konnten dem Volk helfen. Doch dann begann das Zeitalter der Renaissance. Gelehrte begannen die Erde und das Leben zu erforschen. Es war der Beginn der Wissenschaften. Nun erinnerte man sich der Weisheit der alten Griechen, knüpfte an Vergessen gegangenes aus dem Altertum an.

Durch die Schifffahrt erkannte man, dass die Erde keine Platte, sondern eine Kugel ist, denn 1492 entdeckte Kolumbus Amerika oder Indien, wie er glaubte. Auf allen Gebieten wurde geforscht: In der Sternkunde, in der Medizin, in Biologie und Chemie. Auch in der Kunst entstand Grossartiges: Leonardo da Vinci (1452 – 1519), Michelangelo (1475 – 1564) waren am Werk. Da Vinci soll Leichen gestohlen und seziert haben, um den menschlichen Körper besser darstellen zu können. Nicht mehr Gott allein stand im Zentrum, wie dies im Mittelalter der Fall war, sondern der Mensch gewann an Bedeutung. Universitäten wurden gegründet, und es waren nicht mehr nur die Adeligen und der Klerus, welche Zugang zum Studium hatten. Das Handwerk blühte, reger Handel wurde betrieben und es entstand ein vermögendes Bürgertum, das nun auch nach Bildung strebte. Historisch brach die Neuzeit an.

Die Humanisten, wie Erasmus von Rotterdam (1466 – 1536), der in Basel lehrte, beeinflussten die Philosophie und die Theologie. Huldrych Zwingli (1484 – 1531) studierte einige Jahre an der Universität von Basel und wurde 1519 als Pfarrer ans Grossmünster berufen, wo er die Reformation einleitete und die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzte. Da der Rat von Zürich seine Reformen guthiess, konnte er in kurzer Zeit viel bewirken. Durch die Aufhebung der Klöster wurde Reichtum erworben, mit welchem Armenhäuser und auch erste Volksschulen gegründet wurden.

Heute haben Wissenschaft und Technik eine rasante Entwicklung durchlaufen. Wenn ich mein Leben mit dem Leben meiner Eltern vergleiche, liegen Welten dazwischen. Als Kinder rannten sie noch ans Fenster, wenn ein Flugzeug vorbeiflog. Auto und Bahn waren in ihren Anfängen, Radio und Telefon begehrte Neuheiten. Unvorstellbar für sie, was in der Medizin heute erreicht ist! Die Toten werden zum Organ-Ersatzlager für erkrankte Menschen, Leihmütter tragen in Eis aufbewahrte und künstlich befruchtete Eier für homosexuelle Ehepaare aus, Roboter sollen zukünftig die Altenpflege übernehmen…

Auf allen Ebenen wird geforscht. Wohin wird das noch führen? Wenn Dir, liebe Leserin, lieber Leser, jemand diese Frage stellen sollte, antworte doch einfach: «Wenn Dich jemand fragt, sag einfach, Du weisst es nicht!»