«Bis uns das Postauto hinten reinfuhr»

Fritz Hofer (rechts) prägte den «Rösslibeck». Sein Sohn Andreas Hofer weiss das zu schätzen. (Foto: Eva Kurz)

Seit 1941 ist der Beck in Ehrikon in Familienhand – man lieferte die Brote noch bis vor ein paar Jahren traditionell mit Ross und Wagen aus. Neuerdings kann man bei Familie Hofer stattdessen im Selbstbedienungsladen auf dem «Freddy Fratzel»-Erlebnisweg einkehren.

«Grosi war eine hübsche, gescheite Frau», sagt An­dreas Hofer, «und sie hat ge­wirtschaftet.» Als Hofers Grosseltern, Gertrude und Hans ­Spörri, den Beck in Ehrikon übernahmen, waren sie gerade mal Anfang 20. Der junge Spörri kam aus einer gutgestellten Ehriker Familie, die es ihm trotz den mageren Jahren der Kriegszeit ermöglichte, die Bäckerei zu kaufen. Als Kavallerist verbrachte er allerdings viel Zeit im Militär, währenddessen seine Frau die Bäckerei betrieb, und sechs Kinder gebar. Da das ursprüngliche Gebäude des heutigen Ehriker Becks Mitte des 19. Jahrhunderts bei einem Grossbrand zerstört wurde, ist es ungewiss, ob es darin schon früher ein Geschäft gab. Zur Jahrhundertwende eröffnete im damals neu gebauten Haus der Bäcker Jucker aus Winterthur. Ende der 1930er Jahre fiel Juckers Pferd, mit welchem er das Brot auslieferte, tot um. Er näherte sich ohnehin dem Pensionsalter und beschloss deshalb, die Bäckerei aufzugeben. Seinem Nachfolger, dem Bäcker Müller, verstarb 1941, kurz nach der Übernahme, die Ehefrau. Hierauf verkaufte er seinem ­Angestellten, dem 23-jährigen Hans Spörri, das Geschäft und zog wieder weg.

Weissbrot und Torten

Grosi Gertrude übernahm Juckers Rezepte – die wenigen, die es damals gab. Verkauft wurden hauptsächlich Weissbrote, Zwei-, Vier- oder Fünfpfünder. Die ungelernte Bäckerin stand fortan in der Backstube und hinter der Ladentheke. Auch die Kinder wurden eingespannt, alle halfen fleissig mit, kaum konnten sie ­einigermassen auf den Tisch langen. Später kamen Milchweggen dazu und irgendwann fing die junge Bäckerin an, eigene Torten zu backen. 1989 übergab die 69-jährige Gertrude die Bäckerei ihrem Sohn Hans, der das Geschäft mit Hilfe seiner Schwestern und Hofers Vater Fritz weiterführte. 1999 übernahmen schliesslich Hofer und seine Frau Hanna den Familienbetrieb und benannten ihn um in Ehriker Beck. Als Hofer herausfand, dass Bäcker Jucker bloss Weissbrot verkaufte, wunderte er sich sehr. Heute gehört Chörnlibrot ins Regal wie das Amen in die Kirche. Doch obwohl Doktor Graham das Vollkornbrot schon 1829 entwickelte, galt dieses lange als bäuerlich, sogar ungesund, und wurde nur in Notzeiten gegessen. «Die Kleie wurde den Schweinen verfuttert. Die dachten, es sei Abfall!» sagt Hofer. «Dabei sind die Randschichten und Keimlinge des Getreides das wertvollste am Korn.»

Altbewährt, neu erfunden

Hofer setzt bei seinem Brot auf Dinkel. «Ein Russiker Bauer ­sagte zu mir: ‹Du, ich habe Urdinkel: Mach was.› Mittlerweile kaufe ich ihm jährlich das ganze Feld ab», erzählt er. Mahlen lässt er das heikle Getreide – zu viel Regen verdirbt die Ernte – in der Mühle Heitertal. Das ist die einzige regionale Mühle, die Dinkel röllt, ein aufwendiges Verfahren um Dinkelkorn und Spreu schonend zu trennen. «Ich esse allmorgendlich ein Dinkelbrot», sagt Hofer. Es sei besonders gesund. Ein paar alte Rezepte hat Hofer von seiner Grossmutter behalten. Der in der Gegend bekannte Pfefferweggen, den die Patenkinder von ihren Gottis und Göttis zu Neujahr bekommen, gibt es beim Ehriker Beck immer noch zu jeder Weihnacht. Neu dazugekommen ist neben Dinkelbrot in allerhand Variationen auch der «Freddy Fratzel». Das «Tausendfüssler-Brötchen», dekoriert mit Smarties und Gesicht, ist ein fester Bestandteil des Erlebnis-Wegs Wildberg und aus den hiesigen Kinderköpfen nicht mehr wegzudenken. «Ein etwa siebenjähriger Junge aus Fehraltorf wollte bei seinem Beck einen Freddy Fratzel kaufen. Doch den gibts nur beim Ehriker», erzählt Hofer. «Der Bub stieg auf sein Velo und fuhr die sieben Kilometer hier rauf.» Bei Hofer in der Bäckerei angekommen fiel das Kind vom Regen in die Traufe. Die Freddy Fratzels waren bereits ausverkauft. «Er fing an zu weinen», sagt Hofer. Doch der hatte noch etwas Teig in der Backstube und Verbarmen, und bescherte dem Knirps mit einem frischgebackenen Freddy Fratzel grosse Freude. Was der Ehriker Beck ebenfalls weiterführte, war die traditionelle Brot-Auslieferung mit Ross und Wagen. Hofers Vater Fritz, der das schon erledigte, währendem dessen Schwager Spörri Junior den Beck führte, fuhr weiterhin mit Gespann durch die Dörfer und brachte die Bestellungen. «Bis ihm das Postauto hinten reinfuhr», erzählt Hofer. Das war 2013. Als er den Anruf bekam, eilte er zur Unfallstelle nach Wildberg: «Der Wagen war wortwörtlich um einen Baum gewickelt.» Das Pferd hatte sich losgerissen und war verschwunden. Hofer folgte der Spur. Ein erschrockener Autofahrer schaute aus seinem demolierten Fahrzeug, über welches das Tier auf seiner Flucht gesprungen war, und wies ihm die Richtung. Er fand es schwer verletzt im Gras liegend.

Der «Rösslibeck» zieht weiter

Das Pferd, an dem die ganze Familie hing, musste vom Veterinär eingeschläfert werden. «Sowas möcht ich nicht noch mal erleben. Es war die Hölle auf Erden», sagt Hofer. Seinem Vater ging es aber gut. Auch heute noch fährt er täglich mit Ross und Wagen seine Runden. Allerdings nicht mehr zum Ausliefern. Diesen Dienst stellten Hofers ein Jahr später definitiv ein, denn der «Rösslibeck» in Ehrikon schloss 2014 zugunsten einer Neueröffnung in Russikon seine Türen. 2007 konnten Hofers in Turbenthal bereits eine zweite Filiale auftun. «Wir mussten uns bewegen», sagt Hofer. In Turbenthal hatten sie die Chance, eine Bäckerei mit Café zu führen. «Man muss sich spezialisieren, denn vom Brot allein können wir heute kaum noch leben.» In Russikon schloss sich der Ehriker Beck der Gärtnerei Waffenschmidt an und eröffnete im Dezember 2014 einen Laden mit Café. Dort beliefert er das angebauten Glashaus «Unicum» der Gärtnerei bei Veranstaltungen und Sonntagsbrunchs auch mit Catering. «Wir mussten eine Entscheidung treffen», sagt Hofer. Denn der Laden in Ehrikon lief nicht mehr gut. «In Russikon wartete zwar niemand auf uns, aber wir haben den Rank gekriegt.» Die ersten beiden Jahre waren für Hofers hart. Ebenso wenig wie die Russiker auf den neuen Beck gewartet haben, waren in Ehrikon nicht alle begeistert ob der Abreise ihres Becks. Doch die Hofers sind mit ihrer Entscheidung, welche heute Anklang findet, glücklich. Seit Mai dieses Jahres haben sie im ehemaligen Laden in Ehrikon einen Selbstbedienungsladen eröffnet. Dieser liegt auf dem «Freddy Fratzel»-Erlebnisweg und wird von den Vorbeiwandernden und Kindern rege besucht. «Nun wollen wir nicht mehr grösser werden», sagt Hofer, «nur noch besser.» Er schmunzelt. «Wenn ichs dann mal allen recht machen kann, dann hör ich auf.»