“Bereits die alten Römer haben sich über die Jugend beklagt”

Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner in Wila

Am Mittwoch fand in Wila der Unternehmer- und Gewerbetreff statt. Dabei hielt Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) eine Ansprache über die Schulabgänger von heute.

Der Ort passte zum Anlass. Auf dem Gelände der Sägerei Bachmann, umgeben von viel Holz, fand am Mittwoch der 2. Wilemer Unternehmer- und Gewerbetreff statt. Wenige Dutzend Personen kamen an dem Abend zusammen, um über die Schülerinnen und Schüler von heute, und die Arbeiter von morgen zu diskutieren. «Ich habe das Gefühl, dass Gewerbe kommt zu kurz», betonte Gemeindepräsident Hans-Peter Meier (SVP) bei seiner Begrüssung.

Immer wieder falle ihm auf, wie wenig gerade auch im Gemeinderat die Rede vom Gewerbe und seinen Problemen ist. «Aber sie, Gewerbevertretende, schaffen Arbeitsplätze.» Doch heute sei es schwierig, Jugendliche für die handwerklichen Berufe zu gewinnen, so Meier. Dass das Gewerbe einen schwierigen Stand hat, nicht mehr favorisiert wird von den Jugendlichen, «zu kurz kommt», war ein zentrales Thema des Abends. Auch Elisabeth Moser, die Mitglied in der Geschäftsleitung der Sägerei Bachmann ist, und den Betrieb den Anwesenden vorstellte, musste gestehen, wie diffizil es sei, Lehrlinge zu finden. Derzeit bestehe der Betrieb aus 12 Mitarbeitenden, darunter ist ein Lehrling.

Lobgesang auf das Berufsbildungssystem

Ganz anders sodann die Perspektive der Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP). Steiner stimmte geradezu einen Lobgesang auf das duale Bildungssystem der Schweiz an: «Im Kanton Zürich machen 36’000 Jugendliche eine Berufslehre und über 12’000 Lehrbetriebe bilden Jugendliche aus», betonte die Bildungsdirektorin. Durch die grosse Aufregung um die Gymi-Prüfungen gehe immer wieder vergessen, dass die Mehrheit im Kanton nach der Schule eine Berufsbildung mache.

«Dass mehr und mehr Kinder ins Gymnasium gehen, ist ein Mythos», stellte Steiner klar. Kein Mythos sei jedoch, dass das Berufsbildungssystem ein hervorragendes sei. So hätten 2016 bereits 65 Prozent der Jugendlichen erfolgreich den Sprung von der Schule in die Berufsbildung geschafft, 2008 seien es noch 61 Prozent gewesen. Steiner zitierte dabei mehrmals während ihrer Rede aus dem Bildungsbericht, der im Frühling von der Bildungsdirektion präsentiert wurde.

Durchlässigkeit als Erfolgsfaktor

Immer wieder erwähnte Steiner an diesem Abend die «Durchlässigkeit». Denn durch diese zeichne sich das hiesige Bildungssystem aus. Wer nicht sofort den richtigen beruflichen Pfad nehme, dem stünden trotzdem weitere Bildungswege für die Zukunft offen. Selbst wenn nicht alle, die eine Lehre absolvieren, diese auch erfolgreich bestehen, schaffe doch der grösste Teil den Wiedereinstieg in eine neue Lehre, genau gesagt 1500 von den 2000.

Auch manifestiere sich die Durchlässigkeit anhand der vielen jungen Erwachsenen, die sich weiterbilden: «Über 82 Prozent der jungen Erwachsenen haben im Alter von 21 Jahren die Sekundarstufe II absolviert, bis 25 kommen dann nochmals knapp 8 dazu», erklärte Steiner. Um die diese Durchlässigkeit auch weiterhin zu gewährleisten, setze die Bildungsdirektion einerseits bei der Berufsbildung an und unterstütze die Jugendlichen bei ihrer Berufsbildung; gleichzeitig sollen künftig aber auch Erwachsene, die einen Berufsabschluss machen möchten, noch besser unterstützt werden. Aus diesem Grund habe man die Fachstelle «Berufsabschlüsse für Erwachsene» geschaffen.

Nicht jammern, sondern engagieren ist angesagt

Zuletzt forderte Steiner noch ein wenig Gnade von Seiten der Wirtschaft und der Lehrbetriebe. «Schon die alten Römer haben sich über die Jugend, die verfallen sei, beklagt». Nicht schlechter stehe es um die heutige Jugend, doch es gehe darum, dass sowohl Arbeitgeber wie auch angehende Lehrlinge Konzessionen machen müssen, denn ihre Vorstellungen voneinander seien doch teilweise weit voneinander entfernt. «Die Jugendlichen haben den Traumberuf im Kopf», während die Betriebe oft auf «den idealen Lernenden, den es gar nicht gibt» hoffen.

Neben der Bildungsdirektorin sprachen mit Andi Egli, der unter anderem Präsident des Bezirkgewerbeverbands Hinwil und des Zürcher Elektroverbands ist, und Spenglermeister Martin Truninger, der im Vorstand von «suissetec» ist, zwei Gewerbevertreter, die alltäglich mit jungen Berufsleuten konfrontiert sind. Egli gab den Erwachsenen ebenso wie Steiner eine historische Weisheit mit auf dem Weg, habe doch bereits Sokrates gesagt: «Die Jugend liebt heute den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.» Deshalb solle man vorsichtig sein, über die heutige Jugend zu urteilen. «Wenn einem etwas an der Jugend liegt, dann soll man nicht jammern, sondern sich engagieren». Wichtig sei es heutzutage besonders, dass die Lehrbetriebe und Schulen «stufengerecht evaluieren und rekrutieren».

Hohe Abbruchquote bei Spenglerlehre

Truninger sprach über die Schwierigkeiten, mit denen die Spenglerbetriebe heute konfrontiert sind, um junge Lehrlinge zu rekrutieren sowie über die Arbeit mit Lehrlingen. Besonders nachdenklich sieht er den heutigen Stellenwert des Spenglers und weiteren handwerklichen Berufen: «Alle wollen sie aufs Gymi. Wenn das nicht klappt, machen sie das KV, wenn daraus auch nichts wird, kommen sie zu uns». Nirgends, gab der Spenglermeister zu bedenken, brechen so viele Lernende ihre Lehre ab, wie beim Spenglerberuf. «Mit 27,4 Prozent sind wir Spitzenreiter. Darauf sind wir nicht stolz.»

Nach den Referaten kam es noch zu einer kurzen Podiumsdiskussion. Dabei entgegnete Steiner den zuvor von Truninger geäusserten Aussagen und versuchte aufzuzeigen, dass es auch finanzielle Gründe gibt, weshalb vereinzelt die handwerklichen Berufe sich nicht derselben Beliebtheit erfreuen wie andere Berufe. «Sind wir einmal ehrlich, wir dürfen auch nicht vergessen, wie schwierig es für viele ist, eine Familie zu finanzieren.» Ebenso versuchte sie zu erklären, weshalb gerade auch die handwerklichen Berufe mit den Lehrerinnen und Lehrern in der Schule nicht die beste Lobby hätten, haben doch nur die wenigsten Lehrpersonen Arbeitserfahrung im Gewerbe – und was man nicht kennt, das kann man auch nicht schmackhaft machen.