Beizenlandschaft wird zum Friedhof

(Grafik: Tacasso Arts)

Wer Webseiten von Tösstaler Beizen aufruft, stösst auf Internet-Leichen. Oder «letzte Grüsse», wie auf der früheren Webadresse in Wildberg: «Willkommen auf der Website des ehemaligen Restaurants Frohsinn.» Gegen das lokale Beizensterben scheint kein Kraut gewachsen. Doch es gibt auch Lichtblicke.

Mit Traditionsrestaurants verlieren die Gemeinden landauf, landab nicht nur ihre sozialen Treffpunkte. Vielen Gemeinden fehlen die Versammlungslokale. Vereine und politische Gemeinden weichen auf Nachbarorte aus – so es denn dort noch Angebote gibt. 

Ernst Bachmann, Präsident Gastro Zürich, weiss, was der «bedrohten Art» der herkömmlichen Beiz zu schaffen macht. Das Pendeln an Arbeitsorte in der Stadt und der Ausbau der ÖV, der Jugendliche in den Ausgang in die Grossstadt lockt, sind nicht die einzigen Gründe für schwindende Kundschaft. «Mancher Beizer wirtet sein halbes Leben, will dann die Nachfolge regeln, hat aber nie etwas investiert – und stellt dann fest, niemand kauft eine alte Beiz», erklärt Bachmann. Entlang des Zürichsees kann der Gastro-Verband beobachten, dass Restaurants an guten Lagen zu Wohnungen umgebaut werden, wenn sich kein Nachfolger findet. Dass nicht mehr investiert wird, kreidet der Gastro-Präsident auch den Banken an, die die Branche stiefmütterlich behandle. Nicht wegzudiskutieren ist die Tatsache, dass man vor Jahren mit der Aufhebung der Bedürfnisklausel dafür gesorgt hat, dass allerorten gastgewerbliche Leistungen angeboten wurden, die angestammten Wirtschaften schadeten. 

Tradition auf dem Prüfstand

Besorgniserregend ist die Geschwindigkeit, mit der Meldungen von Schliessungen in der Region eintreffen. Ende 2017 schloss nach 20 Jahren das «Splendid» in Turbenthal. Wenn man sich dereinst an frohe Stunden am Stammtisch erinnert, wird das Restaurant schon zu Wohnungen umgebaut sein. Die Familie Briner hat es über Generationen geführt und hat noch ein Jahr «angehängt», um die Nachfolge genau zu prüfen. Um das Restaurant mit einem Pächter neu zu lancieren, hätte man in die Renovation und Erneuerung der Küche investieren müssen. Am Silvester um Mitternacht war Schluss. Der Gemeindeverein liess sich bereits vernehmen, dass es zunehmend schwieriger werde, Lokale für Gruppenanlässe zu finden.

Sozialer Treffpunkt verschwindet

Ähnliche Situation in Wildberg, wo der «Frohsinn» sich seit 1887 im Besitz der Familie Bachofner befand. Sie entschloss sich, das Restaurant auf den 30. Dezember 2017 für immer zu schliessen und das Gebäude für einen neuen Zweck zu nutzen. Auf der Website der letzte Gruss: «Wir danken allen unseren Gästen für die Treue und die vielen schönen Stunden bei uns im Frohsinn.» Damit schloss im 1000-Seelen-Dorf die letzte Beiz – es besteht wenig Aussicht auf eine neue. «Schon aufgrund der Gemeindegrösse wird es schwierig für Betreiber», erklärt Gemeindeschreiber Reto Stark. Denn Stammkunden seien verständlicherweise wenige zu gewinnen. Verloren geht ein Sammelpunkt, eine Austauschmöglichkeit. Früher gehörte es nach Gemeindeversammlungen dazu, im «Frohsinn» einzukehren, und ebenso war Usus, nach der Gemeinderatssitzung essen zu gehen. «Heute geht man nach Hause», sagt Stark, «denn zu vorgerückter Stunde will man nicht mehr extra in ein Nachbardorf fahren.» Die Gemeindeverwaltung hat dennoch noch nicht alle Hoffnung fahren lassen. Man wäre gern bei einer Neueröffnung behilflich, erklärt Stark an die Adresse möglicher Interessenten.

Nur noch Gruppenanlässe

In Wila hat das «Dreispitz» neuerdings nur noch tagsüber geöffnet. Betreiber Simon Mösch will das Gasthaus als Treffpunkt erhalten, richtet sich aber nach den ökonomischen Umständen. Sofort bemerkbar habe sich die Schliessung des «Frohsinns» in Wildberg gemacht; die Anfragen von Vereinen nahmen zu. Für Gruppenanlässe wird das «Dreispitz» auf Termin abends öffnen. Dasselbe Lied in Bauma: Die «Tanne» öffnet ab Januar 2018 nur noch für Bankette. Die Familie Cungu bietet auf ihrer Website die Organisation von Grossanlässen an. Wer aber nur kurz einkehren will, wird vor verschlossenen Türen stehen. Zumindest bis Mitte August: Dann wird eine neue Wirtin die «Tanne» übernehmen.

«Blume» findet neuen Pächter

«Wir schliessen unsere Tore. Fausto Baggenstos geht in Pension.» Mit diesem Dank auf der Webseite verabschiedet sich der Beizer der «Blume» in Fischenthal. Der grösste Gastronomie-Treuhänder der Schweiz, die in Zürich ansässige Gastroconsult AG, erhielt von der Gemeinde den Auftrag, den neuen Pächter zu ermitteln. Und brauchte immerhin ein Dreivierteljahr dafür. Unternehmensberater Reto Grohmann bezeichnet das Gasthaus als «mittelschweres Objekt», um auf dem Markt wieder an den Mann gebracht zu werden. «In Zürich wäre so ein Gasthaus in einer Woche wieder vom Markt.» Die Verkehrslage ist nicht besonders attraktiv, was die meisten Interessenten abgeschreckt haben dürfte. Geholfen haben die Pluspunkte Saal und Hotelzimmer. Vor allem aber wollte die Gemeinde als Eigentümerin der Liegenschaft in erster Linie wieder einen Wirt, der lange bleiben wird und ein Eckpfeiler im Vereinsleben sein soll – weshalb der Mietpreis mit 3800 Franken im Monat vergleichsweise tief angesetzt wurde.

Die Berater der Gastroconsult gehen proaktiv auf mögliche Pächter zu. «Wenn sich jemand auf ein ähnliches Restaurant in der Region beworben hat und nicht zum Zug kam, können wir ihm ein Angebot machen.» Grohmann kann feststellen, dass das Konsumverhalten sich zuungunsten der Wirte verändert hat: Viele Einwohner pendeln in die Grossstadt, wo sie mittags den Lunch im Restaurant einnehmen – worauf sie darauf verzichten, abends zuhause nochmals einzukehren. Die «Blume» soll Ende Sommer neu eröffnet werden.

Reserven sind aufgezehrt

Insgesamt schlossen im letzten Jahr 856 Gastrobetriebe in der Schweiz, wobei der Kanton Zürich sich als besonders hartes Beizen-Pflaster erwies. Die Schweiz, einst mit grosser Restaurantdichte gesegnet, erlebt jetzt das Massensterben der Gastroszene. Wo jedoch in grösseren Städten immer berechtigte Hoffnungen auf Neueröffnungen bestehen, ist im ländlichen Tösstal die Pächter-Nachfolge schwierig. Das bestätigt der Präsident des Gastro-Verbands: «Die Landregionen sind deutlich stärker betroffen als die Städte.» Die Zahl der neu eröffneten Restaurants ging um einen Viertel zurück.