Ausser wählen und abstimmen…

Stefan C. Crommschröder hat Volkswirtschaft studiert und beginnt seine Karriere beim Energiekonzern Vereinigte Elektrizitätsversorgung Deutschland VED als Vorstandsassistent. Er arbeitet mit an der Vorbereitung des ersten Coups im Wassergeschäft, der Übernahme der Londoner Wasserversorgung. Crommschröder verdient 1,17 Millionen Euro im Jahr als Fixum. Dieser Betrag wird sich um 50 Prozent erhöhen, wenn der Geschäftsbereich Wasserwirtschaft das Investment für die London Waters und die Berliner Wassergesellschaft wieder hereingewirtschaftet hat. Trotzdem: Crommschröder verdient im VED-Vorstand am wenigsten. Wenn er das ändern will, muss er das Ziel erreichen, das über allem steht: 15 Prozent Kapitalrendite.

Wolfgang Schorlaus Romanfiguren sind alle ausgedacht. Die zugrundeliegenden Sachverhalte sind es nicht. In seinen Krimis sei verdammt wenig erfunden, sagt er. 2006 bei der Veröffentlichung des Romans stimmte es also, dass zwischen 40 bis 60 Prozent des Londoner Wassers im maroden Leitungsnetz versickerte. Es ist billiger, der Themse mehr Wasser zu entnehmen oder Wasser aus Wales oder Schottland einzuspeisen, als auf dem dicht bebauten Grund der Millionenstadt eine Generalsanierung der Wasserleitungen vorzunehmen. London Waters entnahm das Trinkwasser nur 200 Meter unterhalb der Stelle, wo das geklärte Abwasser in den Fluss geleitet wurde. «Das Wasser, das wir hier entnehmen», lässt Schorlau einen Ingenieur sagen, «ist schon ein paarmal durch Menschen durchgeflossen.»

Der deutsche Kabarettist Christoph Sieber will sich nicht an die Barbareien der globalisierten Welt gewöhnen will. Er will sich nicht flüchten in den Zynismus derer die rufen: «Da kannste nix machen, das war schon immer so.» «Die Unschuld des Nicht-Wissens gibt es nicht mehr», ruft er seinem Publikum zu. «Wir wissen, dass unser Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist. Wir wissen, dass wir die Erde zerstören, und wir können auch längst nicht mehr ignorieren, dass andere arm sind, weil wir reich sind».

Nach einer Weile genussvollen Schweigens erzählt Arto Söderstedt in einem Roman des Schweden Arne Dahl nachdenklich, dass Kapitalismus und Kriminalität ganz einfach ein und dasselbe seien. Dass es nur darum gehe, sich an Macht zu berauschen, an dem Gefühl, stärker zu sein und andere zu dominieren. Irgendwann habe das alles nach Verwesung zu stinken begonnen und er hätte es plötzlich für dringend notwendig gehalten, diesen Menschen Einhalt zu gebieten. Er sei am linken politischen Rand gelandet und hätte sogar einige radikale politische Artikel für linksgerichtete Zeitschriften geschrieben.

Mein Standpunkt ist weder radikal politisch noch ist der «Tößthaler» eine links gerichtete Zeitschrift. Ich gehöre zu denen, die sich in den Zynismus flüchten und nichts machen. Die Unschuld des Nicht-Wissens gilt für mich längst nicht mehr. Ich weiss, dass mein Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist, dass ich die Erde zerstöre und nicht ignorieren kann, dass andere arm sind, weil ich reich bin.

Arno Söderstedt ist dann Polizist geworden, «was dann vielleicht nicht der einfallsreichste Schachzug in meinem Leben war». Ich selber beschränke mich darauf, immer wieder das ausgezeichnete Funktionieren unserer politischen Prozesse zu loben, an keine Demonstrationen zu gehen und auf die Türkei zu verweisen, wo das Volk ihren Präsidenten bald offiziell zu ihrem Diktator macht.

«Gibt’s Fragen? Ist irgendwas unklar?», fragt Christoph Sieber sein Publikum. «Ich frag ganz bewusst, weil man vom Kabarett inzwischen ja auch Antworten erwartet und ich hab zwei Jahre recherchiert und hab nix gefunden.» Ich finde auch keine Antworten. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich – mit den Worten von Christoph Sieber – «daran zu gewöhnen, dass in diesem Europa das Recht des Stärkeren gilt und Hunderttausenden den Zugang zu Gesundheit, Bildung und einem würdevollen Leben verwehrt werden.»

Eigentlich würde ich mich lieber nicht daran gewöhnen, «dass die Würde des Menschen antastbar ist. Denn die Würde des Menschen steht tagtäglich zu Zehntausenden bei der Tafel an, um unsere Rest zu essen. Die Würde des Menschen krepiert vor Lampedusa und die Würde des Menschen stirbt im Krieg. Und zwar in jedem Krieg, weil Krieg keine Würde kennt. Nicht die der Opfer und auch nicht die der Täter.»

Lieber würde ich mich – wie Christoph Sieber – auch nicht damit abfinden, «dass es so etwas wie Alternativlosigkeit gibt. Obwohl es immer Alternativen gibt und es das Wesen der Demokratie ist, dass es Alternativen gibt.»

Ich bin noch nicht weiter als im August 2014. Damals ist mir die Empörung abhandengekommen. Diejenige des ehemaligen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel und diejenige des deutschen Liedermachers Hannes Wader. Heute vermag ich aus all meinem Wissen nicht wirklich Konsequenzen zu ziehen. Mit Ausnahme vielleicht der Mitgliedschaften bei der SP Schweiz, bei Greenpeace, bei Pro Natura, beim VCS, bei der GsoA und des Entscheids, an allen Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen.