Auf dem Berg stand eine Burg

Blick von der West- zur Ostkuppe des Schauenbergs (Bild: abs)

Der Schauenberg ist vor allem beliebt wegen seiner Aussicht. Die höchste Erhebung im Bezirk Winterthur ist aber auch historisch interessant. Einst war diese von einer Burg und einer Hochwacht geziert.

Noch liegt der Schauenberg auf Hofstetter Boden, doch ab 1. Januar 2018 darf sich die Gemeinde Elgg rühmen, den höchsten Punkt des Bezirkes Winterthur zu beherbergen. Dann verfügt Elgg nicht nur über ein Schloss, sondern auch über eine Burg – mindestens eine bescheidene Burgruine. Bei einer archäologischen Kampagne vor rund 40 Jahren wurden Mauerreste sichtbar gemacht.

Jahrzehntelang war der 892 Meter hohe Schauenberg «einfach» ein Aussichtspunkt zwischen Eulach- und Tösstal. Ziel von Wanderern und Spaziergängern, die den Rundblick über die Kantone Zürich und Thurgau bis zum Bodensee geniessen wollten. Bei Föhnlagen soll sogar der Fernsehturm von Stuttgart zu sehen sein. Der Verfasser dieses Artikels erinnert sich, dass in seiner Kindheit kaum von einer historischen Bedeutung die Rede war.

Dies änderte sich vor gut 40 Jahren. Damals entschloss sich die Kantonsarchäologie zu Ausgrabungsarbeiten auf dem Gipfel. Die zwischen 1976 und 1979 durchgeführten archäologischen Untersuchungen brachten Überreste baulicher Strukturen aus vorgeschichtlicher Zeit, aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit zu Tage. Die Ergebnisse dieser Grabungskampagne sind in der Monographie «Die Burg Schauenberg bei Hofstetten» der Kantonsarchäologie Zürich zusammengefasst. Auslöser für die Restaurierungen war demnach die Erkenntnis, dass die vielen auf dem Schauenberg herumkletternden Besucher dem stellenweise sichtbaren Gemäuer beträchtlich zusetzten.

Prähistorische Spuren

Von 1976 bis 1979 gruben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kantonsarchäologie alljährlich im Spätsommer während rund drei Monaten auf dem Schauenberg. Unterstützt wurden sie vom mit der Restauration beauftragten Maurer Adolf Büchi aus Seelmatten. Grabungsleiter Josef Winiger beschreibt die Arbeiten wegen der rauen Witterung und der schwer zugänglichen Grabungsstelle als körperlich hart. Er bedankt sich namentlich bei der Familie Fankhauser-Hauri für die liebenswürdige Gastfreundschaft in der Alphütte, dem einzigen Haus in der näheren Umgebung.

Im ersten Jahr entdeckten die Archäologen bei der Freilegung der Turmfundamente im Innern einen in den Fels vertieften Keller solchen Ausmasses, dass dessen sorgfältiger Aushub in der eingeplanten Zeit nicht möglich war. Es erwies sich, dass dieser Keller im Zusammenhang mit einer älteren Anlage stand, die demzufolge ebenfalls erforscht werden sollte. Dazu war es nötig, auch auf der östlichen Hügelhälfte nach Bauresten zu graben. Dies entpuppte sich als schwierig, weil der Bauschutt aus dem Keller aus technischen Gründen nur auf der Ostkuppe deponiert werden konnte.

Dass es auf dem Schauenberg eine bewehrte Anlage gegeben hatte, war aus alten Schriften bekannt. So werden die kyburgischen Ministerialen von Schauenberg 1242 urkundlich erwähnt. Doch schon viel früher müssen Ringpalisaden als Verteidigungsanlagen errichtet worden sein. Die älteste Keramik, die gefunden wurde, stammt aus prähistorischer Zeit. Von den 18 Wandscherben sind zehn Stück bronzezeitlich. Bei acht könnte Keramik aus der La-Tène-Zeit vorliegen. Diese nach einem Ort am Neuenburgersee benannte Epoche dauerte von 450 vor Christi bis zur Zeit von Christi Geburt.

Eine handgemachte Keramikscherbe deutet nach Tonqualität und Machart auf eisenzeitliche oder gar spätbronzezeitliche Herstellung hin. Daneben wurde ein römischer Schlüssel gefunden. Die Hypothese einer römischen Signalanlage wurde schon in «Geschichte der Herrschaft, Stadt und Gemeinde Elgg» von Karl Mietlich aufgegriffen. Die Datierung der gefundenen Holzkohle beweist, dass Menschen in vorchristlicher Zeit auf dem Schauenberg Feuer anzündeten.

Der gespaltene Gipfel

Interessant ist sicher die Erkenntnis, dass die Teilung der beiden Kuppen des Gipfels durch Menschenhand geschah, also nicht natürlich ist. Dies wurde gemäss Josef Winiger 1977 unbezweifelbar nachgewiesen. Der Graben zwischen Ost- und Westkuppe wurde künstlich durch eine Ausschachtung geschaffen. «Indessen erstaunt der gewaltige Arbeitsaufwand, der notwendig war, um einen Graben dieser Breite in den kompakten Fels zu schlagen», heisst es im Bericht. Die genaue Tiefe des Halsgrabens konnte nicht eruiert werden.

Im Lauf der Jahre änderte die Bauweise der Wehranlagen von Erde-Holz-Bauten zu Steinbauten. Da die technischen und finanziellen Ressourcen beschränkt waren, mussten sich die Archäologen mit schätzungsweisen Rekon-struktionen begnügen.

In der Regel habe der Adel seine Burgen in talnahen Bergflanken und auf eher niedrigen Kuppen angelegt, schreibt Andrea Tiziani in «Die Burg Schauenberg». Nur ausnahmsweise seien adlige Herren im Mittelland in Lagen über 800 Meter vorgedrungen. «Die Burg Schauenberg strebte topographisch so sehr in die Höhe, dass sie ein weithin sichtbares Symbol der Macht darstellte, dem sich der Betrachter kaum entziehen konnte.» Es führte kein Weg direkt an der hoch über der Verbindungsroute vom Töss- ins Thurtal gelegenen Burg vorbei, den es zu überwachen gab. Man müsse die Lage der Burg deshalb unter dem Aspekt ihrer Wirkung betrachten und nicht ihre taktische Bedeutung in den Vordergrund stellen.

So könnte die Burg im Mittelalter ausgesehen haben: Wohnturm mit Halsgraben (Bild: Adrian Michael)
So könnte die Burg im Mittelalter ausgesehen haben: Wohnturm mit Halsgraben (Bild: Adrian Michael)

Im Hochmittelalter strebte der niedrige Adel eher die Gewinnung wirtschaftlichen Nutzungsraums als die Errichtung neuer Herrschaften an. Man müsse annehmen, dass die Schauenberger das mühsame Rodungsunternehmen in Angriff genommen hätten, um Neuland landwirtschaftlich zu nutzen.

Beringer provoziert Zerstörung

Die Abwesenheit einer Territorialherrschaft im Gebiet zwischen Töss- und Thurtal hatte zur Folge, dass die Herren von Schauenberg im 13. Jahrhundert über ihre Güter und ihre Burg relativ frei verfügen konnten. Aufgrund des überlieferten Schrifttums können die Schauenberger weder in ausschliesslicher Beziehung zum Kloster St. Gallen noch zum Bischof von Konstanz oder den Kyburgern gesetzt werden. Die Herren von Schauenberg verschwinden nach 1273 aus den Quellen. Nun trat das Geschlecht der Landsberger in Erscheinung, ein Seitenzweig der Herren von Bichelsee. Die Landsberger übten bis ins 14. Jahrhundert für das Kloster St. Gallen ein Amt in Turbenthal aus. Um 1300 befanden sich die Herren von Landsberg-Bichelsee in allergrösster finanzieller Bedrängnis.

Schon kurz nach der Jahrhundertwende wurden sie vom bedeutenden Geschlecht von Kastell als Lehensträger auf der Burg Schauenberg abgelöst, womit sich in der Gegend der habsburgisch-österreichische Machteinfluss intensivierte. Die Herren von Kastell hielten sich nicht lange, nach 1320 ist kein männlicher Nachkomme mehr belegt.

Die Burg blieb vorerst im Besitz des Klosters St. Gallen, ging dann aber an Beringer von Hohenlandenberg über. Der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt. Um 1331 scheint er die Vogtei über Wila und die umliegenden Höfe besessen zu haben. Beringers Ruf war nicht der beste. Er galt als Haudegen, Falschmünzer und Pferdedieb. Dies dürfte dazu geführt haben, dass seine beiden Burgen Hohenlandenberg und Schauenberg zerstört wurden. Über den Zeitpunkt des Burgenbruchs existieren unterschiedliche Angaben. In den «Grösseren Basler Annalen» wird das Jahr 1344 erwähnt, während Aegidius Tschudi ihn auf 1340 datiert. Dieses Jahr findet man auch bei Johannes Stumpf, der den Grund der sogenannten Schleifung so beschreibt: «Von wegen acht Pandyten domals aus Zürych vertriben, die auff disen und andern schloessern ir aufenthalt hattend.» Das Jahrzeitbuch der Kirche Elgg nennt in einer Randnotiz den 8. März 1342 als Zerstörungstag. Aus einer Urkunde des Herzogs Friedrich von Österreich geht zumindest hervor, dass die Burg am 11. Oktober 1344 bereits zerstört war.

Vermutlich stiessen die Burgenbrecher nicht auf grossen Widerstand. Möglicherweise war die Burg bei deren Ankunft nicht mehr bewohnt. Dies vermuten die Archäologen, weil sie kaum Geschirrkeramik oder mobile Gegenstände fanden. Nach der Eroberung einer Burg folgte in der Regel die vollständige Plünderung der mobilen Inneneinrichtung. Schliesslich kam es zur Zerstörung, indem das Bauwerk in Brand gesteckt wurde, wonach die Mauern geschleift wurden. Dem Wiederaufbau der Burg wurde bestmöglich entgegengewirkt.

Hochwacht im Dreissigjährigen Krieg

Nun war der Schauenberg vermutlich für längere Zeit einfach ein abgelegener Hügel. Bis im 17. Jahrhundert. Aufgrund der Gefahrenlage während des Dreissigjährigen Krieges sah sich die Zürcher Obrigkeit gezwungen, ein Hochwachtsystem einzurichten, das Warnsignale schnell über das Kantonsgebiet und darüber hinaus übermitteln konnte. Auf dem Gipfel des Schauenberges wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Wächterhaus errichtet, für dessen Bau Ruinenschutt der zerstörten Burg verwendet wurde.

Auf der Ostkuppe stand ein galgenartiges Gerüst, an dem eine brennende Harzpfanne hochgezogen wurde. Dieses Alarmsignal sollte von den Kirchturmwächtern in den Ortschaften in Sichtweite wahrgenommen und durch Glockengeläut an die Bewohnerinnen und Bewohner weitergegeben werden. Die Sichtverbindung erstreckte sich über das ganze Zürcher Herrschaftsgebiet auf Entfernungen bis zu 30 Kilometern. Blickkontakt bestand auch zu Hochwachten im heutigen Kanton Thurgau. Die Kosten für die Anlage auf dem Schauenberg wurden gemäss einem Bericht von 1683 von den Gemeinden Elgg, Hagenbuch und Schlatt getragen. Die Ausstattung der Hochwacht scheint nach 1800 abgebrochen worden zu sein.

Heute findet man auf dem höchsten Punkt des Bezirkes Winterthur nur noch die vor 40 Jahren restaurierten Mauerreste und einen Triangulationspunkt auf 894 Metern über Meer. Der Schauenberg gehört dem Kanton Zürich, der die Alp verpachtet hat.

 

Quellen: «Die Burg Schauenberg bei Hofstetten», Monographien
der Kantonsarchäologie Zürich; Burgenkarte der Schweiz, Blatt 2;
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