Auch für Pflanzen gibt es Grenzen

Inmitten eines Pflanzenmeers: Die Neophytenbeauftragten Hansueli Burri und Karin Temperli Müller (Foto: abs)

Pflanzen aus fremden Ländern, so genannte Neophyten, können für unsere Flora eine Gefahr darstellen. Sie werden deshalb bekämpft. Am 29. August findet in der Gemeinde Turbenthal ein Anlass dazu statt.

Im Rahmen der schweizweiten Aktionstage «Arten ohne Grenzen» führen die Neophytenbeauftragten Hansueli Burri und Karin Temperli Müller zusammen mit der Naturschutzkommission Turbenthal einen Aktionstag zum Thema Neophyten durch. Nach Informationen zur Problematik und der Bekämpfung auf dem Gemeindegebiet Turbenthal können die Teilnehmenden im Neubrunnertal mitanpacken beim Ausreissen von Drüsigem Springkraut. Da das Springkraut locker im Boden sitzt, können auch Kinder problemlos mithelfen. Danach erhalten alle Teilnehmenden eine Mittagsverpflegung vom Grill und können sich bei gemütlichem Beisammensein über den gemeinsam erarbeiteten Erfolg freuen (siehe Box).

«Im Prinzip sind alle Pflanzen, die nach 1500, nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, von anderen Kontinenten eingeführt wurden, Neophyten. Als invasiv gelten jene, die Schaden anrichten, also einheimische Pflanzen verdrängen», erläutert Karin Temperli Müller. Sie ist seit 2012 Neophytenbeauftragte der Gemeinde Turbenthal. 2011 wurde per Ausschreibung eine Person gesucht, die sich mit Neophyten befassen sollte. Temperli Müller meldete sich, ebenso Hansueli Burri. Beide wurden eingestellt. Zum Glück, wie sie betonen, denn eine einzelne Person könnte die Arbeit schlichtweg nicht bewältigen. Als Neophytenbeauftragte arbeiten sie eng mit der Naturschutzkommission Turbenthal zusammen.

Hansueli Burri ist beruflich mit Neophyten konfrontiert. Er ist Landwirt im Berghof im Turbenthaler Pirg. Aufgrund seiner Naturschutzflächen sei er «auf den Geschmack gekommen». Karin Temperli Müller ist als Fachreferentin am Landesmuseum in Zürich angestellt. Sie absolvierte eine Weiterbildung in Natur- und Umweltpädagogik. Sie sei auf dem Land aufgewachsen und interessiere sich für Biologie, erzählt sie.

Natürlich sollte man bei diesem «Job» eine Ahnung von Pflanzen haben. Grundvoraussetzungen seien überdies körperliche Fitness und Geländetauglichkeit, denn die Schädlinge seien oft nicht ganz einfach erreichbar und man sei teilweise doch ziemlich lange zu Fuss unterwegs. «Wir wären angewiesen auf Unterstützung, denn wir können nicht die ganze Gemeinde alleine absuchen», erklären die Beiden übereinstimmend. Hilfreich wäre zudem eine Bestätigung der Gemeinde, weil sie mit ihren Fahrzeugen auf dem Landwirtschafts- und Forstbetrieb vorbehaltenen Strassen und Flurwegen fahren und auch ab und zu privates Gelände betreten.

Blinde Passagiere

Seit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus hat sich die Welt markant verändert. Heute werden selbst grosse Distanzen schnell und bequem zurückgelegt. Aus allen Kontinenten erreichen Güter die Schweiz. Viele der gebietsfremden Pflanzen oder Tiere werden gezielt eingeführt. Es gibt aber auch immer wieder «blinde Passagiere» – Samen, Larven oder Käfer, die unbemerkt in die Schweiz «einreisen». Die wenigsten von ihnen verursachen Probleme. Einige können nur überleben, wenn sie von Menschen bewirtschaftet werden, beispielsweise Tomaten oder Kartoffeln.

Doch es gibt auch einige Arten, die sich unkontrolliert ausbreiten. Sie können Krankheiten übertragen für Menschen und Tiere, allergische Reaktionen auslösen, Ökosysteme verändern oder die landwirtschaftliche Produktion gefährden. Hier spricht man von invasiven Neophyten.

Dieses Jahr besonders im Fokus der Neophytenbeauftragten steht die nordamerikanische Goldrute. Sie wurde im 17. und 18 Jahrhundert noch Europa importiert und hat sich in den letzten 60 Jahren zunehmend verbreitet. Die Schäden in Naturschutzgebieten oder Buntbrachen sind gross. Wenigstens ist diese Pflanze nicht gesundheitsgefährdend. Beim Riesenbärenklau ist dagegen höchste Vorsicht geboten, er kann Verbrennungen verursachen.

Hilfe wäre sehr willkommen

Karin Temperli Müller und Hansueli Burri sind sich einig: Die Information der Öffentlichkeit über Neophyten könnte besser sein. Wo kann man sich hinwenden, wenn man Fragen zu Neophyten hat? Im Internetauftritt der Gemeinde Turbenthal findet man diesbezüglich keine Angaben. Dies obwohl jede Gemeinde mindestens einen Neophytenbeauftragten stellen muss. «Mir scheint, die Sache wird eher halbherzig angegangen», bedauert Hansueli Burri.

Die Gemeinde schaue auf den Kanton, doch der kümmere sich vor allem um die Thur. Die Töss sei aber auch ein Problemfall, vor allem wegen ihrer vielen Zuflüsse, in denen Samen weitertransportiert werden können. In der Gemeinde Turbenthal hätten das Steinenbachtal und das Neubrunnertal Priorität.

«Wir wären angewiesen auf personelle Unterstützung, denn wir können nicht die ganze Gemeinde allein absuchen», sagt der Neophytenbeauftragte. Vielleicht trägt der Anlass vom 29. August Früchte, und einige Teilnehmende können sich zu weiterem Mitwirken entscheiden.

Neophytenanlass

Die Neophytenbeauftragten der Gemeinde Turbenthal und die Naturschutzkommission führen am Samstag, 29. August, von 9 bis 12 Uhr, einen Neophyten-Anlass für Gross und Klein durch. Treffpunkt ist Oberhofen 621. Dort trifft man sich danach auch zum gemeinsamen Mittagessen. Als Kleidung wird empfohlen: Alte Gartenkleider (lange Hosen, lange Ärmel), geländetaugliches Schuhwerk, allenfalls Gartenhandschuhe. Weitere Informationen unter www.arten-ohne-grenzen.ch.