Apfelkernaussaat garantiert (hoffentlich) Erntesegen

Genussvoll beissen wir in die frischen Apfelschnitze. Unsere diesjährige, dürftige Ernte beläuft sich auf drei Äpfel, zwei Birnen und zwei Zwetschgen. Noch selten habe ich erlebt, wie sich meine Kinder mit all ihren Sinnen diesem Zeremoniell widmen. «Dä isch vill süürlicher, als de ander», kommentiert unser Jüngster. «Defüür isch d Farb vill lüchtiger», entgegnet sein Bruder. Einhellig bekennen wir, dass unsere Äpfel viel weniger saftig sind, als jene Gravensteiner, die wir von unserem Nachbarn erhalten haben. Wir stürzten uns vor wenigen Wochen wie Habichte auf die gebrachte Kiste. Die Blüten des Baumes überlebten, im Gegensatz zu vielen anderen, den späten Frost im Frühling. Obwohl die Äpfel klein waren, und vom Hagelzug im August ebenfalls betroffen, büssten sie nichts ein in ihrem Aroma.

Die Buben fragen mich nach Apfelsorten aus meiner Kindheit. Fast wehmütig grabe ich in Erinnerungen. Zuerst fällt mir da mein Lieblingsapfel ein: Der Lederapfel. Die braune, raue Haut verbirgt eine spezielle Mischung von herb –  süssem Fruchtfleisch. Der Baum stand damals im Feld bei Wächters. Mit Ungeduld habe ich auf seine Reifezeit gewartet, die erst auf Ende Oktober fiel. Zudem fiel die Ernte, wie bei den meisten alten Bäumen, alternierend aus. Nur alle zwei bis drei Jahre konnte ich diesem Genuss frönen. Eigentlich genauso liebte ich den «Erdbeerapfel». Der knorrige und brüchige Baum wuchs hinter dem Primarschulhaus. Regelmässig schlichen meine Freundin und ich vor den Herbstferien in der grossen Pause vom Schulhausareal, um unseren Znüni frisch vom Baum zu pflücken. Süss rann uns der Saft über das Kinn. Die glänzende rote Schale, die auch das Innere rot färbte, faszinierte uns. Es gab in unseren verschiedenen, kleinen Obstgärten, wo auch bereits Halbhochstämme standen, die Reinette, den Berlepsch, Goldparmäne, Spartan. Grosse Bäume wie der Boskoop, Danziger Kant, Glockenapfel, Jonathan, Suurgrauech und Tobiässler standen verstreut in fast allen Wiesen und Weiden. Auch der Schniiderapfel und Uschtemeröpfel fehlte nicht. Wie viele Namen und Bäume habe ich bereits vergessen?

Die Saison wurde mit dem Klarapfel (dieses Apfelmus ist für mich immer noch das Beste – bei zwei verbliebenen Bäumen im Dorf eine echte Rarität) eröffnet und mit dem Gravensteiner fortgesetzt. Jeder Apfel sah anders aus. Keine Gleichförmigkeit wie heute. Dafür waren viele Sorten weniger Haltbar. Wir assen uns durch die Vielfalt, je nach Reifegrad. Auch Birnen gab es in verschiedensten Sorten. «Gschmurig» bis gross, gelb bis grün, weich bis hart. Zwischen Williamsbirnbäumen hängten wir jeweils unsere Hängematte auf. Butterbirnen nannte mein Vater zwei in der Färbung unterschiedliche Sorten: Eine war gelb, mit teilweise roten Schlieren und grossfruchtig, die andere braungrün. Die «Gute Luise» war vorhanden, wie auch Scheller- oder Wasserbirnen. Die Gelbmöschtler brauchten wir für unsere Süssmostproduktion, die mein Vater mit grösster Finesse und Inbrunst zelebrierte. Es gab gezielte Mischungen zwischen ausgesuchten Apfel- und Birnensorten. Wobei der Anteil Birnen nur einen Zehntel pro Pressdurchgang ausmachten. Die vorher zu erledigende Arbeit, das Zusammenlesen dieser Pracht, gehörte nicht zu meinen Lieblingsarbeiten als Kind auf dem Hof. Aber wenn ich jeweils meinen Becher unter den ersten Strahl frischen, kühlen Süssmost halten durfte, vergass ich die Mühe schnell. Bei grosser Ernte lieferten wir den Überschuss jeweils in die Sammelmulde beim Getränkehandel Erb. Der Erlös davon ergab unser Familienferiengeld.

Ich erzähle den Kindern, wie mein Vater die Holzleitern, in verschiedenen Längen, hinter der Scheune hervorholte. Zuerst lasen die Erwachsenen die schönsten Exemplare ab. In die Kunst des Ablesens wurden wir erst später eingeführt. Die Holzkisten wurden sorgsam auf den kleinen Wagen verfrachtet um sie am Abend nach Hause zu transportieren. Vorsichtig wurden die Äpfel nochmals verlesen, danach die bestellte Pracht der Kundschaft geliefert. Die weniger schönen, aber dennoch gesunden Äpfel und Birnen lagerten wir in unserem Keller ein.

Vieles, das ich als Kind schon geniessen durfte, mache ich nun für unseren Familientisch. Der Biss in einen frisch gepflückten Apfel steht aber immer noch an erster Stelle in unserer Genussskala. Apfelmus (eisgekühlt gleich als Glace), Äpfel und Birnen gekocht oder gedörrt, Apfelküchlein, Apfelstrudel – alles findet reissenden Absatz. Nur dieses Jahr fällt aus dem Rahmen. Die Aussicht auf wenig bis gar nichts aktiviert wohl die Vorsorgetaktik meiner Buben. Zu zweit knübbeln sie die Apfelsamen aus den Kammern im Bütschgi. Sie holen die bereits weggeräumten Saattöpfe aus dem Schopf. Gemeinsam mischen sie in der Schubkarre Kompost- und Gartenerde. Flugs sind die Töpfe damit gefüllt, die Apfelkerne draufgelegt, zugedeckt und mit Wasser angefeuchtet. Ich versuche den Beiden zu erklären, dass im Obstbau mit Unterlagen und Propfungen gearbeitet werde und in ihrem Verfahren nicht vorausgesetzt ist, dass die gleichen Sorten wachsen.

Gedanklich händeringend überlege ich, wo diese Töpfe überwintern könnten. Die Aussaatfreude, vor allem der Erfolg meines Jüngsten, bringt mich an Grenzen. Unser Wohnhaus gleicht im Winter immer mehr einem Gewächshaus, da Orangen-, Mandarinen und weitere, südlich beheimatete Bäume nicht draussen überwintern. Mein Mann gestaltet mit Blech einen weiteren, überdimensionierten Unterteller. Darin werden über den Winter behutsam die zwölf Töpfe im Zimmer ihrer Schwester begossen und beobachtet.