Alle Jahre wieder: staatlich verordnetes Beten?

Es ist wieder einmal soweit: der Bettag naht. Er ist bis heute einer der fünf hohen christlichen Feiertage im Land! In vielen Kirchgemeinden wird dieser Gottesdienst traditionell ökumenisch gefeiert, einige auch zusammen mit freikirchlichen Gemeinden. Was dabei nicht fehlen darf: ein örtlicher Chor oder Musikverein.

Ist der Bettag politisch verordneter, religiös motivierter Patriotismus? – Er geht auf die Initiative des Standes Bern zurück, der unter dem Eindruck der Französischen Revolution der Eidgenössischen Tagsatzung beantragte, einen landesweiten Buss- und Bettag anzuordnen. Das geschah am 8. September 1796. Diese Feier überdauerte die der Eidgenossenschaft von Frankreich aufgezwungene Helvetische Republik (1798 – 1803). 1832 beschloss die Tagsatzung auf Antrag des Aargaus, dass der Bettag am dritten Sonntag im September gefeiert werden soll. Der Sonderbundkrieg vom November 1847 allerdings drohte die Eidgenossenschaft politisch und konfessionell zu spalten.

Mit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates im Jahre 1848, welche übrigens wesentlich auf Druck der Europäischen Politik zustande kam, die erkannte, dass eine geographisch neutrale Mitte für Europa friedensfördernd wirkt, wurde diese Gefahr gebannt. So kam dem Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag erneute Bedeutung zu. Er sollte die politisch und konfessionell stark fragmentierte Schweiz einen. Der Bettag sollte den Respekt vor den Andersdenkenden, den Angehörigen aller Parteiungen und Konfessionen im Land fördern.

Seit den 1970er Jahren wird jedoch Kritik am Bettag als Staatsfeiertag laut: Es sei nicht Aufgabe eines säkularen Staates, einer pluralistischen Gesellschaft einen christlichen Feiertag zu verordnen. Die Verteidiger halten dagegen, der Tag solle die christlichen Grundwerte des Landes und der Politik in Erinnerung rufen. Zu dieser Diskussion möchte ich beitragen, indem ich obige Frage mit Ja beantworte: Ja, der Bettag ist politisch verordneter, religiös motivierter Patriotismus. Und ich meine, wir tun gut daran, ihn mit Ernst und Selbstkritik, aber auch mit Freude zu begehen. Er gehört zu unserem gewachsenen Selbstverständnis als Schweizer und als Christen. Wem das Christsein nicht vertraut ist, der mag Mühe damit bekunden. Die christlichen Grundwerte unserer Verfassung garantieren jedenfalls jedem Menschen grösstmögliche Freiheiten, insbesondere in Bezug auf Politik und Religion. Ob das hingegen in einem sozialistisch-kommunistischen oder in einem islamisch geprägten Europa der Fall wäre, das wage ich zu bezweifeln. Eine der Säulen christlicher Ethik besagt (Paulus in seinem Brief an Philippus 2,3): «Ein jeder achte den andern höher als sich selbst.»