Ä guets neus allersiits!

Ein neues Jahr ist doch immer so eine Sache. Man hat das Gefühl, dass alles auf Anfang zurückgestellt wird. Der erste Januar ist Tag eins eines neuen Lebens. Man startet mit guten Vorsätzen und hofft auf Besserung, Veränderung und Glück. Kurze Zeit später stellt man dann aber fest, dass alles noch beim Alten ist und überhaupt nichts mit einem Datum zu tun hat. Ich bin überzeugt, dass wir nur auf Veränderung hoffen können, wenn wir diese in uns selber vornehmen. Das ist alles andere als einfach – der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Und sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, ist eine Herausforderung, die man nicht einfach so schafft.

Ich hoffe Jahr für Jahr, dass endlich alles besser wird. Schöner, grösser, toller, mehr von Allem (ausser Speck am Füdli). Jahrelang wartete ich auf ein Wunder, um dann Ende Dezember festzustellen, dass es nicht eingetroffen ist. Ich nahm meine Vorsätze gar nicht richtig ernst. Versuchte einfach, irgendwas zu ändern, was mir dann kläglich misslang. Immer wieder war ich von mir selber und vom Leben enttäuscht. Was – «gopfriedstutz» – muss ich denn tun, damit das Leben endlich nach meinen Wünschen verläuft? Schon seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Loslassen. Es sagt sich so einfach: «Lass ä mal loos!» Aber was ist das eigentlich? Was muss ich tun, um loszulassen? Kann man das überhaupt richtig? Halten wir nicht immer irgendwie an irgendetwas fest, um die Kontrolle nicht zu verlieren und blockieren so alles?

Als vor zwei Jahren mein geliebter Papi starb, musste ich das erste Mal in meinem Leben lernen, was Loslassen wirklich heisst. Abschied nehmen für immer. Nichts mehr tun können. Einfach akzeptieren, dass es ist, wie es eben gerade ist. Dem Leben ausgeliefert sein und sich in einer Situation wiederfinden, die man sich so überhaupt nie gewünscht hat. Die Wünsche und Vorstellungen, die man von einem erfüllten Leben hat, werden plötzlich ausgelöscht. Ich neige dazu, mich an Wünschen und Hoffnungen zu halten. Dem Leben nicht seinen Lauf zu lassen. Immer irgendwie verknorzt versuchen, mir alles zurecht zu legen und dann von mir selber enttäuscht sein, wenn das Leben eine andere Musik spielt. Verzweifelt habe ich immer wieder versucht, Geschichten loszulassen. Alles habe ich versucht, viel Geld dafür ausgegeben, mich an jede Möglichkeit gekrallt und dann irgendwann gemerkt, dass ich überhaupt nicht losgelassen habe. Beim Tod meines Vaters erkannte ich dann (endlich!), was Loslassen heisst. Akzeptieren. Und eben nichts tun.

Ich habe getrauert und ich vermisse ihn noch heute, aber ich habe erkannt, dass das Loslassen eigentlich ganz einfach ist. Wir können nicht an Etwas oder Jemandem festhalten, wenn wir loslassen wollen. Wir brauchen beide Hände frei, um das Leben zu umarmen. So lernte ich die letzten zwei Jahre, oftmals schmerzhaft, wie man loslässt. Das Schöne daran ist, dass plötzlich alles viel besser geht. Träume werden wahr und die Lebensenergie kommt zurück. Ich warte nicht mehr auf Wunder. Ich leiste mir, im Fluss des Lebens zu sein und Verantwortung für alles zu tragen. Ich habe damit aufgehört, mich an das Leben zu krallen und meinem Kopf die Macht zu geben, verbissen zu sein. Nicht, dass ich den Willen nicht wichtig finde – im Gegenteil! Ich glaube aber, dass das Vertrauen in das Leben und sich selber wichtiger ist, um das Glück zu erkennen und auch zu leben. Beide Hände frei haben, um alles, was kommt, zu nutzen, um voranzukommen.

Schritt für Schritt kremple ich nun mein Leben um. Habe mit fast 40 Jahren den Mut gefasst, die Ausbildung zu absolvieren, die ich mir schon seit meiner Teenagerzeit wünsche. Ich werde Ernährungsberaterin und ich bin stolz darauf, dass ich endlich meinen Traum lebe. Es braucht Mut an mich zu glauben und mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Aber ich weiss, dass ich es schaffe, wenn ich dem Leben seinen Lauf lasse und mich nicht mehr an Dinge klammere, die ich nicht ändern kann.

Loslassen heisst also nicht verlieren. Durch Loslassen können wir gewinnen. Lebensqualität und Freude und einen Haufen mehr von Allem (ausser eben dem Speck am Füdli). Der Verlust meines Vaters hat mir die Augen geöffnet und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, dass er mir mit seinem Gehen so viel Positives mit auf meinen Weg gegeben hat. Loslassen ist in meinen Augen nichts anderes als dem Leben zu vertrauen und frei zu sein. Frei von negativen Gedanken, Ängsten und Ansprüchen. Dafür habe ich mir ein kleines Filmli im Kopf abgespeichert: Ich sitze in meinem Boot, das vom Fluss des Lebens getragen wird und versuche mit aller Kraft die Ruder so zu bewegen, dass ich geradeaus fahre. Eine anstrengende Erwartung an mich selbst. Der Fluss macht, was er will und ich wehre mich dagegen, was mich viel Kraft kostet. Ich steure so verbissen auf meinen Zielhafen zu, ohne zu wissen, wo dieser überhaupt ist. Durch meinen Kampf mit dem Ruder übersehe ich die schönen Blumen am Flussufer, auf die mein Boot eigentlich zusteuern wollte. Ich sehe die Kraftquellen nicht, die ich dringend brauchen würde, um stark auf meiner Bootsfahrt weiterzugehen. Irgendwann lasse ich kraftlos die Ruder los. Wehre mich nicht mehr gegen den Willen des Flusses. Und erkenne schon nach wenigen Metern, dass ich wieder Kraft habe und die Blumen am Ufer mir Freude bereiten. Manchmal schaukelt mein Boot und es wird mir übel. Aber ich wehre mich nicht mehr dagegen. Ich lasse zu, dass mein Boot mich dahin führt, wo ich hingehöre. Ich wünsche Ihnen ein wundervolles Jahr im Vertrauen, dass auch Ihr Boot sie an die richtigen Orte führt. Schiff ahoi!