75 stolze Jahre Turnverein

TV Schalchen-Wildberg Präsident Thomas Bosshard (Foto: ek)

Dieses Jahr feiert der TV Schalchen-Wildberg sein 75. Jubiläum mit einem «Fäscht für Alli». Gegründet wurde der
TV während des zweiten Weltkriegs. Und schon damals war den Mitgliedern ein schöner Feez willkommen. 

Wildberg – «Wer hätte damals ernsthaft daran geglaubt, dass in schwerer Zeit, bei schwacher Unterstützung und mit bescheidenen Mitteln etwas in die Welt gesetzt wurde, das 50 Jahre Bestand haben würde.» Das schrieb der Schalcher Paul Bieri, Mitgründer des Turnvereins (TV) Schalchen-Wildberg, in der Einleitung seiner Gründungsgeschichte vor 25 Jahren.

Als sich damals die jungen Schalcher zum TV zusammenschlossen, herrschte rundum Krieg. Die Männer leisteten Aktivdienst, in den Köpfen der Bevölkerung herrschte allgemeine Unruhe, die Zukunft war ungewiss. Aber die hiesige Dorfjugend brodelte vor Tatendrang, träumte euphorisch von Abenteuern. Die Frage war, wie sich die Jungen austoben und ihre überschüssige Energie in eine gute Sache investieren könnten. Sie kamen zum prächtigen Schluss, dass ein Turnverein das Passendste sei und gründeten den TV Schalchen-Wildberg im März 1943, einen Monat nach der Schlacht von Stalingrad.

Möglicherweise unterschätzen die frischen Vereinsmitglieder die anstehende Arbeit ein wenig. Bevor geturnt werden konnte, musste dafür erst ein Plätzchen gefunden werden. Für eine Vereinsgründung war schön viel Büroarbeit zu erledigen und die Schalcher Bevölkerung stand dem Vorhaben dazu noch eher skeptisch denn wohlwollend gegenüber. Die Mindestmitgliederzahl von sechs Aktiven zu halten, sollte sich zudem als nicht ganz einfach entpuppen. Doch die Burschen liessen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Glücklicherweise konnten auch ein paar Wildberger fürs Turnen begeistert werden und in Bieris verlottertem Schopf fanden sie den passenden Raum für ihr Training. Sie richteten sich ein und, siehe da, ein Jahr später stand bereits ihr erstes Turnfest an. «Vielmehr glaubten wir an ein wirkliches Fest, an einen Vergnügungsfeez», schrieb Bieri über die Teilnahme am Kantonalturnfest in Winterthur vom 16. Juli 1944; zum 50. Jubiläum seines TVs fasste er ihren ersten grossen Auftritt in einem rührenden Bericht zusammen.

Mit Fahnenträger und Tambour nach Winterthur

Im Morgengrauen des 16. Juli 1944 zogen die Schalcher Turner gutgelaunt, mit hartgesottenen Eiern und Landjägern als Wegzehrung, Zigaretten und ihren Turnsachen im Gepäck, los in Richtung Winterthur. Stolz und militärisch gegliedert, allen voran ihr Fahnenträger und ein Tambour, marschierten sie aus dem Dorf, die missbilligenden Gesichter hinter den Gardinen nicht beachtend. In Wildberg schlossen sich die Kollegen an, und der triumphierende Trupp setzte seine Reise fort. Beim Einmarsch in die Stadt riss dem virtuosen Trommler glatt das Fell. Das konnte für eine Fahrt mit dem Tram zum Anlass genommen werden. Im Bahnhofbuffet wartete schliesslich bereits der reservierte Tisch. In Festlaune verputzten die ausgehungerten Sportler Unmengen von Schübligen und Kartoffelsalat. Natürlich musste das Essen auch gehörig runtergespült werden. «Beinahe wäre es hier noch lustig geworden», schrieb Bieri, doch die Zeit drängte und in gewohnter Formation – zwar ohne Tambour mit weniger Aufsehenerregen – nahmen sie den letzten Abschnitt zum Festgelände in Angriff.

Die Turner wurden beim Aufwärmen von einem Wildgewordenem aus dem Publikum ausgebuht, aber das half ihnen vielleicht, die Sache besser zu machen. Trotzdem setzte es eine kleine Blamage bei den Freiübungen. Als die Lautsprecher dann verkünden, dass es des Vereins erste Teilnahme an einem Fest sei, wurde diese aber wieder einigermassen bereinigt. Unbeirrt setzten sie ihre Vorführungen fort, auch ein bisschen Regen brachte sie nicht mehr aus der Ruh. Zum Schluss konnten sie sogar behaupten, dass sie gar nicht mal so schlecht waren und den Zuschauern mit den allgemeinen Freiübungen zum Abschluss sogar ein wuchtiges Bild boten.

Mit dem Tösstaler fuhren sie wieder zurück bis Wila, wo sie vor dem Aufstieg nach Schalchen nochmals kurz einkehrten. Die Trommel liess sich auch mit sämtlichen aufgetriebenen Heftpflaster nach bester Samariterart nicht mehr flicken, so begnügten sich die Heimkehrenden mit Singen. «Ich erinnere mich der kranzgeschmückten Heimkehr ins Dorf, als sich manch einer der ersten Gratulanten still und heimlich ein Tränlein wegwischte», schrieb Bieri.

75 Jahre später

Leider kann Bieri, wie auch alle anderen Gründungsmitglieder, nicht mehr miterleben, wie ihr geliebter Turnverein dieses Jahr sein fünfundsiebzig-jähriges Bestehen feiern darf. Wüsste er, wie gut es um den Verein heute steht, würde er sich sicherlich auch still und heimlich ein Tränlein wegwischen. Heute hat der TV Schalchen-Wildberg rund 50 Aktivmitglieder. Präsident ist Thomas Bosshard aus Ehrikon. Selber ist der Dreiundreis-sigjährige seit etwa 17 Jahren im Turnverein, seit 2013 als Präsident. «Als ich dazukam, waren wir nur etwa die Hälfte», sagt Bosshard. Um die Mitgliederzahlen stand es tatsächlich noch nie so rosig wie zurzeit. Selber gehört er bereits zu den Älteren, die meisten seien zwischen 20 und 25 Jahren alt, ein paar wenige älter als er.

1968 kam die von Hugo Petruzzi gegründete Jugendriege dazu, die dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert. Seit 1979 gibt es auch eine Mädchenriege. Es dauerte zwar eine Weile, doch die wurde mittlerweile auch unter die Schirmherrschaft des TV Schalchen-Wildberg gestellt. «Früher gab es nur Männer im TV», sagt Bosshard. Heute ist der Frauenanteil fast gleich gross – das war lange Zeit undenkbar.

Zu den grossen Jubiläen des Turnvereins und der Jugendriege wird es am 7. Juli ein Fest geben, «äs Fäscht für Alli», heisst es auf dem Flyer, das mit der jährlichen «Wildbergete» zusammengelegt wird. Nebst seiner Jubiläumsvorführung organisiert der TV das abendliche Unterhaltungsprogramm und die Jubiläums-Bar.

Als grösster Verein im Dorf wird der TV auch immer wieder für Gemeindeanlässe angefragt. Nach der Jubiläumsfeier steht für den TV auch schon bald die 1. August-Feier auf dem Programm. «Manchmal muss ich den Jungen schon sagen: Den 1. August machen wir im Fall nicht nur für uns, den machen wir für die Allgemeinheit,» sagt Bosshard, «die verstehen das zum Teil noch nicht. Aber die Vereinsbeiträge sind eher gering, deshalb helfen die Mitglieder bei Anlässen mit – Mit der Bar versuchen wir den Verein auch zu quersubventionieren.» Dieses Engagement wird aus der Gemeinde auch mit viel Dankbarkeit belohnt. «Man spürt die Gemeinschaft, die Verbundenheit im Dorf. Das finde ich sehr schön,» sagt Bosshard.

Bosshard freut sich auch sehr auf das Jubiläumsfest, weil dann die Alten und die Jungen zusammenkommen. «Die meisten kennen sich leider gar nicht mehr,» sagt er. Vor dem Festakt wird es einen Apéro mit den Veteranen und Ehrenmitgliedern geben, dann können sich alle kennenlernen. «Wenn sie dann zusammensitzen, dann werden wieder Anekdoten ausgepackt. Darauf freue ich mich jetzt schon.»

Auch Paul Bieri gab dem Verein damals, bestimmt nicht ohne ein Augenzwinkern, etwas auf den Weg: «Zum Abschluss Kameraden, für diesmal wollen wir mit unseren Leistungen zufrieden sein, doch gebt Euch nicht endgültig zufrieden, denn Streben, genauer Können ist Turnerprinzip. Wir müssen es uns zur Aufgabe stellen, auf die vordersten Ränge zu spekulieren, und darnach trachten in den höheren Turnkreisen an Bedeutung zu gewinnen, damit unser Verein gefürchtet wird im Kampfe, als Kamerad jedoch geachtet bleibt.»

Eva Kurz