30’000 Fotos aus dem Tösstal 

30’000 Fotos hat Annette Carlin von den Filmspulen auf den Computer gescannt. (Fotos: Werner Wäckerli)

Mit einer Aufnahme von der Zeller Chilbi begann Annette Carlin 1978 als Fotografin für den
«Tößthaler» zu arbeiten. Während 25 Jahren dokumentierte sie das Geschehen im Tösstal in Schwarzweiss. Nun hat sie ihre Bilder digitalisiert und zu einem Buch gemacht.

Noch heute empfindet sie das Erlebnis grässlich: Gedämpftes Licht im Eichhaldesaal in Wila, dichtgedrängt das Publikum, vorn auf der Bühne eine Künstlergruppe – ein Abend des Kulturvereins. Annette Carlin fotografiert neben den Zuschauerreihen, die Lichtverhältnisse sind schwierig. Plötzlich unterbricht eine der Künstlerinnen ihren Auftritt und ruft mit schneidender Stimme in den Saal «Jetzt ist aber Schluss mit dem Fotografieren». Über 100 Menschen wenden ihre Köpfe, über 200 Augen richten sich auf Carlin. «Ich fühlte mich blossgestellt, es war peinlich, nein furchtbar», erinnert sie sich. Dabei habe sie sich bemüht, ohne störendes Blitzlicht zu fotografieren. Rasch habe sie noch zweimal abgedrückt und dann den Saal fluchtartig verlassen. Obwohl schon Jahre zurück, empfindet sie das immer noch als das schlimmste Erlebnis in ihren fünfundzwanzig Jahren als Fotografin.

«Wenn ich heute mein Fotoarchiv durchsehe, kommen unterschiedliche Erinnerungen auf, meist schöne und amüsante, aber auch traurige und bewegende – eigentlich nur ganz wenig negative.» Ein belastendes Erlebnis wie damals in Wila sei kaum mehr vorgekommen, lacht die heute 64-Jährige, wenn sie in ihrer Sammlung mit den rund 30’000 Aufnahmen stöbert.

Vom Flugzeugabsturz bis zum polternden Politiker

Fotografiert hat Carlin fast alles, was im Tösstal zwischen 1978 und 2003 im öffentlichen Leben passierte. Über das, was sie dabei erlebte, liessen sich Geschichten schreiben. Zum Beispiel, als sie blitzschnell lernen musste, Koordinaten zu lesen, um das Wrack des abgestürzten Sportflugzeugs im unwegsamen Gelände am Schauenberg zu finden – und dann der schockartige Zustand, als sie plötzlich vor Leichenteilen stand.

«Der schönste Anlass war der Buebeschwinget im Gyrenbad»

Freud und Leid waren oft nah beieinander. Einmal habe sie morgens begeisterte Kinder an einem Fussballturnier fotografiert, mittags Bilder von einer Versammlung mit einem polternden Politiker gemacht und abends eine Unfallstelle aufsuchen müssen, wo ein Töff-Fahrer, den sie persönlich kannte, bös verletzt worden war. Als unheimlich empfand sie Brandfälle, vor allem in jener Zeit, als ein Brandstifter umging.

Von Blocher bis zum Dalai-Lama

Kam Prominenz ins Tal, so war Carlin stets auf dem Platz; sie erlebte Auftritte von Christoph Blocher, Pasqual Couchepin, Rita Fuhrer oder Jacqueline Fehr. Gerne erinnert sie sich an eine Begegnung mit dem Schauspieler Ruedi Walter, mit dem sie bei Filmaufnahmen in Turbenthal ein herzliches Gespräch geführt habe. Auch Kurt Felix, Jörg Schneider und viele andere mehr haben ihren Platz im Fotoarchiv gefunden. Besonders eindrücklich empfand sie eine Feier im Tibet-Kloster ob Rikon mit dem Dalai-Lama.

Keinen Spass am Kuhfüdli fotografieren

Arg kritisiert worden sei sie an einer Viehschau. Ein Experte habe sie verhöhnt, weil sie die blumengeschmückten Köpfe der Tiere fotografiert habe. Kühe beurteile man von Hinten, habe er gerufen, das, was vorne sei, das sei nur Schabernack. So habe sie, lacht Carlin, künftig an allen Viehschauen die Tiere nur noch von hinten fotografiert. Aber nur noch Kuhfüdli und pralle Euter zu fotografieren, das habe wenig Spass gemacht.

Angst habe sie verspürt, als sie bei einer Kiesgrube oberhalb von Wila eine Gruppe von Leuten hätte fotografieren sollen, die Schiessübungen durchführten. Weil der «Tößthaler» darüber einen Bericht machen wollte, sollte sie ein Bild liefern. Doch soweit kam es nicht. Als sie auf die Gruppe zuging, sei sie arg bedrängt worden, man habe ihr die Kamera entreissen wollen und kategorisch verboten, Aufnahmen zu machen.

«Blicke ich auf meine Bilder, erkenne ich, wie rasch die Zeit vergeht»

Und noch einmal ist ihr das Fotografieren verboten worden: Als auf der Tössegg bei Wildberg einst vergrabene Fässer mit Altölrückständen wieder ausgebuddelt werden mussten. Solche Bilder gehörten nicht in die Zeitung, habe der zuständige Beamte verfügt. Heute, so sagt Carlin, würde sie ein solches Verbot nicht mehr akzeptieren, denn wenn es um eine akute Grundwassergefährdung gehe, wie damals auf der Tössegg, habe die Öffentlichkeit ein Recht auf offene Information.

Alle Aufnahmen futsch

Natürlich habe es auch Flops gegeben. Einmal habe ihr Söhnlein Marco in einem unbeaufsichtigten Moment aus ihrer Arbeitstasche Filmmaterial mit aktuellen Aufnahmen geschnappt. Als sie es bemerkte, sei der ganze Film aus der Kapsel herausgezogen auf dem Boden gelegen. Alle Aufnahmen futsch.

Ein anderes Missgeschick gab’s, als sie den «Päcklisonntag» in Turbenthal hätte fotografieren sollen. In der Bar von Minders Blumenladen sei sie mit Bekannten zu lange hocken geblieben, so dass nichts «Gescheites» mehr zum Fotografieren da war. Das habe auf der Redaktion eine wüste Rüge gegeben.

Aber auch sie habe dann und wann Grund gehabt, beim Redaktor aufzubegehren. Etwa dann, wenn dieser ihre Bilder zu stark beschnitten oder nur Ausschnittweise übernommen habe, obwohl sie die Aufnahme mit viel Herzblut als Gesamtkunstwerk verstanden habe.

Wehmütiger Abschied vom analogen Fotografieren

«Es war eine stressige Zeit» sagt Carlin. Immer habe Zeitdruck geherrscht. Sie erwähnt die Schauenberg-Stafette: «Da sollte ich am Start dabei sein, beim Berglauf, beim Schwimmen im Bichelsee und rechtzeitig wieder beim Einlauf des Siegers». Und der Redaktor habe die Aufnahmen so rasch wie möglich haben wollen. Aber jeder Film musste entwickelt werden und das war eine anspruchsvolle Aufgabe. Aber auch eine, die Freude machte. Dies im Gegensatz zu heute. «Mit der Digitalkamera ist alles anders geworden. Natürlich auch einfacher, aber meine Freude, meine Leidenschaft am Fotografieren ist damit verloren gegangen. Heute kann eigentlich jedermann und überall gute Bilder machen – ja, und farbig ist’s ja auch geworden» sinniert Carlin. Man spürt ihre Wehmut und die Erinnerung an das einstige Schwarzweissfotografieren «mit ihren technischen und künstlerischen Anforderungen».

Der «Buebeschwinget» hatte es in sich

Welches war der gefreuteste Anlass, an dem sie fotografierte? Die Antwort kommt spontan: «Der Buebeschwinget im Gyrenbad!» Da habe immer eine frohe, positive Stimmung geherrscht und es sei eine Freude gewesen, wie die Buben ins Sägemehl gestiegen seien, erinnert sie sich. Aber auch daran, dass sie an diesem Anlass ihren späteren Mann Martin kennen lernte, mit dem sie ihre inzwischen erwachsenen Kinder Martina und Marco hat.

Bilder mit Vergangenheitswert

Zu denken gibt Carlin, dass Vieles, was sie einst als Neues fotografierte, bereits wieder verschwunden sei. «Blicke ich auf meine Bilder, so erkenne ich, wie rasch die Zeit vergeht, wie ich älter werde.» Jüngst sei ihr das bewusst geworden, als das Alters- und Pflegeheim Spiegel in Rikon nach einem Umbau neu eröffnet wurde. «Da war ich als Fotografin schon dabei, als vor mehr als 30 Jahren für das ursprüngliche Haus der erste Spatenstich gefeiert wurde.»

Als Fotografin profitierte Carlin von ihren Kenntnissen im Tösstal. Aufgewachsen in Bauma arbeitete sie nach einer kaufmännischen Ausbildung zuerst bei der Wolfensberger AG in Bauma, dann auf der Gemeindekanzlei Zell und später bei einer Versicherungsagentur. Beim «Töß-thaler» war sie später nicht nur Fotografin, sondern arbeitete auch in der Druckerei, zuletzt in leitender Stellung.

Heute geniesst sie es, vermehrt Musse pflegen zu dürfen. Sie lebt in Wila mit ihrem Partner Ueli Bodenmann, dem weitherum bekannten Liedermacher und Unterhaltungskünstler. Sie hat nun mehr Zeit für den Garten, fürs Wandern und freut sich an der Natur, welche sie diesen Herbst als besonders schön empfand.