Schere, Säge, Sonne und Frühlingsgefühle

Mit Scheren und Baumsäge in den Händen ziehe ich an diesem Morgen los zur Parzelle beim Bienenhaus. Etliche, noch junge Hochstammbäume warten dort auf mich. Die Leiter ist vom Götti unseres Zweitjüngsten, dem auch die gepflanzte Freude gehört, bereits hingestellt worden. Strahlender Sonnenschein begleitet mich. Ein Segen nach diesen vom Herbst in den Frühling verirrten Stürmen.

Ich streife um den ersten Baum. Erkunde bei diesem Rundgang mit erstem Blick von unten, was an Ästen weg muss, welche Triebe ich weiterleiten möchte und beginne mit meiner Arbeit. Die irrtümlicherweise gekaufte Schere für Linkshänder entpuppt sich als Glückskauf. Der erforderte Kräfteaufwand beim Zudrücken ist bedeutend geringer. Mit Erstaunen bemerke ich, wie oft ich mit der linken Hand arbeite. Zügig komme ich vorwärts. Dennoch stelle ich die Leiter sicher zwei Mal mehr um pro Baum als letztes Jahr. Sie sind gewachsen, in die Breite und Höhe. Die Blickwinkel vom Boden und auf der Leiter decken sich nicht mehr. Anpassungen bei meinen von unten geplanten Schnitten sind nötig.

Die Vorarbeit ist relativ einfach: Äste, die die Säge verlangen, entferne ich zuerst, dann folgen Wasserschosse und die nach dem Bauminneren gerichteten Äste. Jetzt wird für mich der mögliche Weiteraufbau sichtbar. Wie hoch soll ich den Mitteltrieb stehen lassen? Wie weit dürfen die Leitäste herausragen? Dabei sind die verschiedenen Wachstumszonen der Äste nicht zu vergessen. Immer auf Augen nach aussen zurückschneiden und die vorhandenen Fruchtäste weitgehend belassen. Jeden Schnitt sauber bündig ausführen, ohne Storzenrückstand.

Die unterschiedlichen Baumarten verlangen nach entsprechendem Schnitt. Die charakteristischen Wuchsformen von Apfel-, Birn- oder Zwetschgenbäumen sind gut erkennbar. Auch die Farbe ihres Holzes. Die Birnbäume streben mit ihren ockerfarbenen Trieben allesamt fast gerade nach oben. Da schätze ich jeden Trieb, der sich in die Breite wagt. Die Apfelbaumtriebe, meist schön geschwungen mit wenigen Nebenausläufern, sind dunkel gefärbt, die Knospen noch weit weniger entwickelt wie jene der Zwetschgenbäume. Diese wiederum verfügen über ein filigranes Ästewerk mit vielen Verzweigungen. Der Rhythmus und die Sicherheit, wo die Schere anzusetzen ist, wachsen mit den Tagen und der Anzahl Bäume, deren überflüssige Äste bereits auf dem Boden sind.

Letztes Jahr waren bereits einige Blüten um diese Jahreszeit geöffnet. Die beiden Wintermonate waren damals derart warm, dass die Bäume schon den Frühling wähnten. Die kalten Tage kamen trotzdem noch, zum unpassendsten Moment – sie sorgten für eine unerfreuliche Dezimierung der Früchte.

Ich trage die Leiter zum nächsten Baum. Ein Eichelhäher fliegt zu einem Birnbaum in der unteren Reihe und beäugt mich aufmerksam. Das Gebell eines Hundes vertreibt ihn. Die Sonne wärmt, so dass ich die Jacke ausziehe. Wie in den letzten Jahren geniesse ich dieses Abtauchen in vollen Zügen. Kein Telefon unterbricht mich, kein Streit unter meinen Jungs ist zu schlichten. Stattdessen bereichert Vogelgezwitscher als musikalische Zugabe meine Arbeit. Tage später, die erste Reihe mit 22 Bäumen
ist soeben beendet, entdecke ich «meine» Fähe am Waldrand. Es scheint, als ob sie «sünnelet». Sie sitzt in aller Ruhe da, putzt zeitweise ihren wunderschönen dunkelbraunen- grauen Pelz und lässt sich nicht von mir beirren. Glücklich, dass sie diesen Winter überstanden hat, betrachte ich sie.

Manchmal stapfen Besucher zu mir durchs Feld und verweilen bei einem Gespräch. Oder meine Freundin taucht auf, um die liegenden Äste zusammenzutragen. Bauern, die im Wald unterhalb Holz schlagen, schauen für kurze Momente vorbei um etwas zu fachsimpeln. Andere fragen nach, ob ich ihre Bäume ebenfalls schneiden könnte.

So nebenbei kann ich mich gleichzeitig dem meinerseits unfreiwilligen Beobachtungsstatus durch gewisse Nachbarn entziehen. Nicht gänzlich. Die selbsternannten Polizisten unseres Dorfes (es sind deren zwei und nicht zu verwechseln – eine Person ist meist motorisiert unterwegs, die andere mit Hund) schauen bei ihren Rundgängen auch bei den Bäumen vorbei. Dass ich offenbar
für weitreichenderen Gesprächsstoff sorge mit meinem Herumkraxeln um die Bäume, wird mir Tage später zugetragen: Sogar die Selbsthilfegruppe (eine Dorfbewohnerin schenkte dieser Truppe den Namen), welche täglich in unserer Dorfbeiz verkehrt, debattiert über mögliche Beweggründe meines Tuns. Für Irritation sorge ich offenbar auch, wenn ich erst nachmittags mit dem Staubsauger durch das Haus kurve. Eine Besucherin meinte da: «Ach erst soweit bist du». Schmunzelnd erkenne ich, wie wir Frauen uns immer noch gegenseitig schubladisieren und Tagesabläufe wohl für alle gleich abzulaufen haben. Genauso nehme ich ihre Mimik zur Kenntnis bei meinen ausbleibenden Rechtfertigungsversuchen.

Bäume schneiden hat positive Auswirkungen auf mein Seelenleben. Gelassenheit ist nicht mehr nur ein Fremdwort. So besehen wundert es mich, dass gestresste Bauern, die Zuhauf Hochstammbäume setzten und ob der Fülle gleich zu Beginn weg kapitulierten vor deren Pflege, diese Nische nicht wahrnehmen und sie vermarkten. Im Sinne «Seelenstärkung beim Baumschneiden» könnten Interessierte diese Arbeit übernehmen und der Bauer müsste nicht um damit zusammenhängende Direktzahlungen bangen.

Kurz vor Kindergartenschluss sammle ich mein Werkzeug ein und eile nach Hause. Die letzten sechs Bäume habe ich diesen Morgen geschafft. Zufrieden betrete ich die Küche. Es duftet nach Mittagessen. Aufläufe sind in solchen Momenten ein Segen.