Indische Widersprüche

Sie heisst Pooja Nayak und ist ein 14-jähriges, indisches Mädchen mit einem grossen Lächeln im Gesicht. Pooja weicht nicht von unserer Seite, auch wenn ihr das Gehen Mühe bereitet. Wir treffen sie bei einem Besuch in einem Mädchenheim in Jodhpur im indischen Bundesstaat Rajastan. Eigentlich sind wir Touristen und besuchen Freunde, die vor zwei Jahren nach Indien ausgewandert sind und sich in Jodhpur im indischen Bundesstat Rajastan niedergelassen haben. Die Geschichte von Pooja lässt uns das Blut in den Adern gefrieren: Ihre Schwierigkeiten beim Gehen kommen nicht von ungefähr. Wäre sie nach der Geburt nicht misshandelt worden, so wären ihre Beine normal. Pooja kam vor einigen Jahren ins Mädchenheim und konnte nicht gehen. Damals hatte sie keinen richtigen Namen – sie war einfach Nummer 4. Nummer 4, weil sie das vierte Mädchen in ihrer Familie war.

Mädchen sind in armen indischen Familien – und wohl nicht nur in diesen – unerwünscht und erhalten nicht selten demütigende Namen. So seien Namen wie «Shame – Schande» oder «Enough – Genug» durchaus geläufig in solchen Situationen, erfahren wir. Andere Mädchen in diesem Heim kommen buchstäblich von der Strasse: Entlang der grossen Achsen in der Stadt entdecken wir immer wieder improvisierte Behausungen. Oft ist es kaum mehr als ein Sonnenschutz, eine Feuerstelle, etwas Geschirr zum Kochen. Diese Unterkünfte einen Slum zu nennen, wäre schon eine Beschönigung. Ein Slum hat in der Regel so etwas wie eine minimale Infrastruktur. An der Strasse hat es gar nichts.

Und schliesslich gibt es Mädchen aus einer dritten Gruppe: Eine davon ist Kali. Sie ist erst sieben Jahre alt. Ihre Mutter brachte sie kürzlich ins Heim. Die Familie wollte die Siebenjährige mit einem älteren Mann verheiraten. Die Mutter wehrte sich dagegen. In Indien müssen die Eltern der Mädchen ein Brautgeld bezahlen, wenn sie ihre Töchter verheiraten wollen. Ist das Mädchen aber noch sehr jung und der Bräutigam schon im fortgeschrittenen Alter, dann ist dieses Brautgeld tiefer. Mädchen sind ein finanzielles Risiko und die Familien suchen nach Mitteln und Wegen, um ihre finanzielle Belastung kleiner zu halten. Jedes der Mädchen hier hat derartige Erlebnisse und wer hinhört kann hier jeden Tag solche Geschichten hören. Das ist für uns schwer zu ertragen. Wie kommt es, dass die indische Gesellschaft derart inhuman ist und so systematisch Gewalt gegen Frauen duldet? Wir wissen keine Antwort. Ist es richtig, sich über solche Zustände zu empören – oder haben wir zu wenig Verständnis für die fremde Kultur? Nein, meinen wir. Wir empören uns zu Recht. Und es gibt viele aufgeklärte Inder, die sich mit uns empören.

Die Schicksale dieser Mädchen lassen uns nicht kalt – und so geht es auch unseren Freunden Silvia und Rolf nun in Jodhpur: «Leider gibt es zu viele Hilfswerke, welche die indischen Unsitten und Widerwärtigkeiten nicht ansprechen und sich ‹nur› aufs Helfen konzentrieren. Die Kinder haben Hilfe verdient – nicht nur monetär oder moralisch, sondern indem man sich in der Öffentlichkeit zu den Missständen äussert», sagt unser Freund Rolf im Gespräch und ergänzt: «Ich kann das indische Patriarchat in meinem jetzigen Leben nicht ändern – auch wenn es dringend notwendig wäre! So versuche ich vorerst im Kleinen, den Frauen und Mädchen zu einem etwas würdigeren Sein zu verhelfen.»

Die beiden Schweizer in Jodhpur haben sich überlegt, wie sie im Kleinen helfen können. Und sie haben nicht den Fehler gemacht, gleich eine eigene Organisation mit ausgebauten Aktivitäten zu gründen – Aktivitäten, die dann beim Erlahmen des anfänglichen Enthusiasmus irgendeinmal versanden.

Solche Organisationen gibt es in Indien zuhauf. Sie unterstützen stattdessen eine lokale Organisation, und zwar den indischen Sambhali Trust mit Geld, aber auch mit Know-how. Verschiedentlich ist es ihnen gelungen, Schweizer Stiftungen zu überzeugen, Projekte des Sambhali Trust zu finanzieren. Vertrauen ist oft die wichtigste Währung und deshalb ist die Vermittlungsarbeit der beiden sehr wertvoll. «Im Laufe unserer häufigen Indienaufenthalte haben wir erfahren, dass wir selbst mit beschränkten finanziellen Mitteln einen wertvollen Beitrag zur Unterstützung für ein besseres Leben und eine erfolgreichere Zukunft leisten können», heisst es auf ihrer Website. Wie es sich für Schweizer gehört, haben sie für diesen Zweck einen Verein gegründet. Sie nennen ihn Anshula-Trust. Ihr Verein dient aber primär als Bindeglied zu indischen Organisationen, hat aber keine eigenen operativen Tätigkeiten. Schweizer Hilfswerke arbeiten übrigens ähnlich.

So weit so gut – respektive so weit so schlecht. Die Fragen lassen uns nicht los: In kaum einem Land der Erde ist der Gegensatz zwischen arm und reich so gross. Indien ist kein Entwicklungsland: Es hat die Atombombe – man wäre versucht zu sagen «leider» und hat gerade kürzlich eine Rakete mit über 130 Kleinsatelliten ins All geschossen. Eine reife Leistung! Indische Programmierer sitzen nicht nur in Bangalore sondern auch im Silicon Valley und sogar in der Schweiz. Gibt es nicht genug Geld und Ressourcen in diesem Land? Ist nicht der Reichtum einfach sehr ungerecht verteilt? Das ist ohne Zweifel so. Und es gibt hier nicht nur eine schreiende Armut, sondern auch einen eklatanten Reichtum, der sich in Hotels und Palästen ausdrückt, wie man sie in Europa kaum sieht.

Ein Hoffnungsschimmer: Es sind nicht einfach gutmeinende Ausländer, die sich über die Situation empören und Hilfe anbieten, sondern es sind zunehmend auch einheimische Organisationen wie eben der Sambhali Trust in Jodhpur, die sich der Situation annehmen und gegen Gewalt und Unterdrückung von Frauen kämpfen.