Keine Angst vor der Angst

«Wie geht es dir?» Es wird wohl bei kaum einer Frage so viel gelogen, wie bei dieser. Natürlich ist die Frage meist als Floskel gemeint und niemand interessiert sich wirklich für eine ehrliche Antwort. Aber hin und wieder gönne ich mir einen Moment von Innehalten und Nachdenken und frage mich selber: «Wie geht es mir?» Das Resultat ist manchmal erstaunlich, manchmal auch erschreckend und schon mehr als einmal hatte ich nach so einer Frage eine Entscheidung getroffen, die mein Leben nachhaltig veränderte.

«Wie geht es uns?» Es ist für mich höchste Zeit, dass wir uns auch als Zivilgesellschaft wieder einmal fragen, wie es uns geht. Jeden Tag neue Schreckensmeldungen von Terror, Klimawandel, unbezahlbare Soziallasten, Staaten mit Schulden ohne Ende und unberechenbare Führer in Russland, USA und China – Schrecken und Chaos, wo man auch hinschaut.

«Wie geht es uns?» Wer sich diese Frage einmal ganz unvoreingenommen stellt, macht eine erstaunliche Entdeckung: Eigentlich geht es uns Menschen in Europa so gut, wie nie zuvor. Wir haben ein Bildungssystem, welches allen Menschen die Chance gibt, eine gute Schulbildung zu geniessen, einen Beruf zu erlernen und für ein Einkommen zu sorgen. Berufstätige Arbeitnehmer erhalten mindestens vier bezahlte Ferienwochen und bei Krankheit oder Unfall ist die Lohnfortzahlung für eine gewisse Zeit gesichert.

Wir haben ein Gesundheitssystem, das zwar viel kostet, aber innert 15 Minuten ist im ganzen Kanton ein Rettungswagen mit bestens ausgebildeten Spezialisten vor Ort. Defekte Gelenke und Knochen werden heute ersetzt. Krankheiten, welche die Menschen während Jahrhunderten dahingerafft haben, sind heute heilbar. Wir haben ein Sozialsystem, welches allen Menschen in unserem Land ein Leben in Würde ermöglicht. Vorbei sind die Zeiten, als man mittellose Menschen in Armenhäuser abschob und Kinder in Fabriken unter schrecklichen Bedingungen ausgebeutet wurden.

Noch nie stand den Menschen so viel Mobilität zur Verfügung wie heute. Mit einem mittleren Einkommen kann man sich ein Automobil leisten oder kann mit dem Zug, dem Flugzeug, dem Motorrad oder dem Velo die ganze weite Welt erkunden. Und selbst auf Weltreisen muss nicht auf Kommunikation verzichtet werden. Je nach Bedarf können wir uns jederzeit in Bild und Ton mit unseren liebsten Menschen unterhalten.

Noch nie gab es so viel Sicherheit, wie in unserer Zeit. Es ist in der europäischen Geschichte kaum je vorgekommen, dass während über siebzig Jahren Frieden herrschte. Stets gab es grossflächige Konflikte und Kriege. Aber auch in unserer unmittelbaren Umgebung ist die Sicherheit gestiegen. Jedes Dorf verfügt über eine Feuerwehr mit hoch motivierten und bestens ausgebildeten Fachleuten und bestem Material. Das Korps der Kantonspolizei hat seinen Sollbestand erreicht und macht einen hervorragenden Job. Schwere Straftaten sind in den letzten zehn Jahren um über 30 Prozent zurückgegangen. In allen wesentlichen Bereichen zeigt die Kriminalstatistik des Kantons Zürich nach unten.

Als Gesellschaft ist es uns noch nie so gut gegangen wie heute. Und trotzdem steigen auch in unserem Land Angst und Verunsicherung. Vielleicht ist das so, weil es von gewissen Kreisen ganz bewusst so gewollt ist? Politische Parteien jeglichen Couleurs spielen jeweils ganz bewusst die «Angst»-Karte, um die Bevölkerung zu verunsichern und sich selbst mit einfachen Patentrezepten als Heilsbringer anzupreisen. Ob wir über die Verselbständigung des Kantonsspitals abstimmen, über die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation oder die dritte Unternehmenssteuerreform, sowohl Befürworter wie Gegner schüren die Angst und bieten ihre Lösung als die einzig Richtige an. Selbstverständlich geht es am Schluss nur darum, Aufmerksamkeit und Zustimmung zu erhalten. Wirklich nachhaltige Lösungen bleiben auf der Strecke.

Nach den Terroranschlägen im Jahr 2001 habe ich für mich entschieden, dass ich mein Leben nicht von Angst bestimmen lasse. Ich habe diesen Entscheid nie bereut. Dafür bin ich heute misstrauisch, wenn mir einfache Rezepte als Problemlösung angeboten werden. Das Suchen nach guten Lösungen geht meist nicht mit einfachen Rezepten und fordert oft sorgfältige Detailarbeit. Aber selbst die grösste Aufgabe beginnt mit dem ersten Schritt. Und manchmal ist der erste Schritt eben der Entscheid: «Ich lasse mein Leben nicht von Angst bestimmen.»

Es gibt kein Patentrezept gegen die Angstmacherei. Aber für mich persönlich habe ich entdeckt, dass ich ihr sehr wirksam zwei Dinge entgegenhalten kann: Dankbarkeit und Hoffnung. Dankbarkeit für all die vorhin aufgezählten Errungenschaften unserer Gesellschaft. Und Hoffnung, dass ich – wenn auch nur im ganz klei-nen Rahmen – meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten kann. Zeit mit der Familie, Pflege von Beziehungen, Engagement für das Gemeinwohl, Unterstützung von Projekten, all das sind für mich Investitionen in eine bessere Zukunft. Und es macht mich erst noch zufrieden.

  • NetHawk

    Tut richtig gut mal etwas Zuversichtliches, Positives zu lesen. Positiv und zuversichtlich zu sein, ist vielen von uns ein wenig abhanden gekommen finde ich. Kein Wunder, wir konsumieren rund um die Uhr Medien in allen erdenklichen Formen und nie liest man dort: “Schweiz – im Grossen und Ganzen ist alles in Ordnung”. Dabei wäre es doch die Wahrheit. Aber News müssen halt aussergewöhnlich sein und wenn’s geht auch Emotionen wecken. Die Angst zu bedienen bietet sich an. Zum Glück werde ich selbst mit zunehmendem Alter immer gelassener. Nicht weil das baldige Ableben naht, sondern weil sich in der Vergangenheit allzu oft die Angst als übertrieben oder gar unbegründet erwiesen hat. Also doch ein bisschen lernfähig.