Unerwünschte Helikoptereltern

Die Adventszeit und das Jahresende sind für uns Eltern eine gute Gelegenheit, dem eigenen Nachwuchs über die Schultern zu blicken und sich zu fragen, welche schulischen Fortschritte erzielt worden sind und wo es möglicherweise hapert – wer auch immer Schuld daran trägt. Meist unüberlegt und ungerechtfertigt schielen wir dabei zu den Lehrpersonen, den Prügelknaben der Nation, obwohl ihre Funktion alles andere als beneidenswert ist und sie als Puffer zwischen divergierenden Ansprüchen, Erwartungen und Illusionen dienen.

Dass Lehrpersonen früher oder später an ihre Grenzen stossen, belegen immer wieder empirische Studien. Soeben erfuhr man erneut eine nicht überraschende, aber trotzdem unwillkommene Wahrheit: Grundschulkinder, die von emotional erschöpften Lehrkräften unterrichtet werden, erbringen tendenziell schlechtere Leistungen in Mathematik. Dies belegt eine kürzlich im «Journal of Educational Psychology» publizierte Studie. Ausgewertet wurden Mathetests von über 22’000 Schülern sowie Erklärungen von deren Lehrkräften (11’000) zu ihrer psychischen Belastung. Insbesondere zeigt sich eine ausgeprägte Wechselbeziehung zwischen hoher Belastung der Lehrkräfte und schlechter Matheleistung in Klassen mit einem hohen Anteil an Kindern, die zu Hause nicht deutsch sprechen. Zwar bezieht sich die Untersuchung auf Deutschland, aber in der Schweiz ist von ähnlichen Resultaten auszugehen.

Auch Laien leuchtet die entscheidende Bedeutung der Motivation und der Kompetenzen einer Lehrkraft für den Lerntransfer auf die Schüler ein. Nur wenn diese Motivation überspringt, werden die Kinder zu eifrigem Lernen angespornt. Ebenfalls liegt der Schluss nahe, dass Stress und Burn-out der Lehrkräfte einen negativen Einfluss auf die Kinder ausüben und deren Leistungen tangieren. Beleuchtet wurde in der erwähnten Studie die emotionale Wechselwirkung Lehrkraft-Schüler. Durchgeführt wurde sie von einem Forscherteam um die Psychologin Uta Klusmann, Professorin für Empirische Bildungsforschung am Leibniz Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Die Erhebung bewies eindrücklich: Je emotional erschöpfter die Lehrkräfte, umso niedriger tendenziell die Mathematik-Leistungen der Klasse. Das dürfte unzweifelhaft für alle Fächer gelten.

Besonders deutlich zeigte sich der negative Zusammenhang zwischen emotionaler Erschöpfung der Lehrkräfte und den Matheleistungen in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Als eine der Ursachen vermutet das Forscherteam, dass emotional erschöpfte Lehrkräfte nicht genügend Kraft aufbringen, um in Klassen mit hoher Diversität gezielt auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

Auch die schweizerische Lehrerschaft ist nicht erstaunt über die Resultate der erwähnten Untersuchung. Allerdings wird vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz zu Recht darauf hingewiesen, dass die Integrationsfähigkeit einer Klasse von vielen Faktoren abhängig sei und der Anteil fremdsprachiger Kinder nur einer davon bilde. Es sei jedoch allgemein bekannt, dass die Lehrperson eine der wichtigsten Faktoren für erfolgreiches Lernen bilde. Forderungen nach kleineren Klassen und tieferen Pflichtpensen für Lehrpersonen seien auch aus gesundheitlicher Sicht begründet. Leider verlaufe die Entwicklung wegen der Knappheit der Finanzen in den Kantonen genau in die entgegengesetzte Richtung.

Es gehe bei der Belastung der Lehrpersonen auch um harte Fakten und Zahlen wie die Luftqualität im Schulzimmer, die Lärmbelastung, die Platzverhältnisse, Rückzugsmöglichkeiten für Lehrpersonen, Stresshormone im Blut und die Zunahme von Teilzeitarbeit aus Belastungsgründen. Niemand kontrolliere die im Arbeitsgesetz enthaltenen einschlägigen Vorschriften bezüglich Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz Schule. Das müsse sich ändern, fordert der Dachverband und organisiert am 25. August 2017 im Rahmen des Schweizer Bildungstags eine nationale Tagung. Man ist gespannt auf deren Ergebnis.

Offensichtlich sind auch die Schüler vom kantonalen Spardruck nicht ausgenommen. Doch wie soll es in den anderen, kurz skizzierten Belangen weitergehen? Den Schulen empfiehlt der Dachverband den Anschluss ans Netz gesundheitsfördernder Schulen, den Lehrpersonen Freizeitaktivitäten ohne beruflichen Bezug und den Schülern, die Schule als grosses Lernlaboratorium mit vielen Türen zu betrachten, hinter denen sich spannende Themen verstecken.

An die Eltern wiederum ergeht ein spezieller Wunsch, den man nur unterstützen kann. Die Schule, so wird eindringlich betont, brauche unterstützende Partner für einen gelingenden Erziehungs- und Lernprozess und keine hyperkritischen Helikoptereltern, die jeden Schritt ihres Kindes kon-
trollieren wollen und mit dem Anwalt an Elterngespräche kommen, wenn sie mit einer Anweisung des Klassenlehrers nicht einverstanden sind.

«Zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland», meinte 1842 der Berner Dichter Jeremias Gotthelf an die Adresse des Schweizerischen Schützenvereins. Er könnte – mit vollem Recht – auch uns heutige Eltern ins Visier genommen haben. Legen wir das Gotthelf-Zitat deshalb als guten Vorsatz unter den Christbaum und denken daran im neuen Jahr. Dann leuchtet nicht nur der Weihnachtsbaum, sondern auch die Eltern.